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Traumen und Überlastungsschäden im Profifußball

Prellung der unteren Extremitäten, Sehnenrupturen, Leistenschmerz, Kniebeschwerden

25 Prozent der Spieler erleiden jede Saison schwere Verletzungen

Fußball ist die meistgespielte Sportart weltweit und es gibt etwa 220 Mio. Spieler, darunter 40 Millionen Frauen. Es gibt deutliche statistische Unterschiede der Verletzungshäufigkeit bei Fußballspielern verschiedener Spielklassen. Höher qualifizierte Fußballer verletzen sich etwa halb soviel wie Fußballer aus niedrigeren Spielklassen. Es besteht ein deutlich erhöhtes Verletzungsrisiko bei ungenügender oder falscher Trainings- oder Spielvorbereitung. Verletzungsprävention bei kompetenter ärztlicher und physiotherapeutischer Trainings- und Spielbetreuung steht im Vordergrund.

Die Häufigkeit und Schwere von Verletzungen und Überlastungsschäden im Fußball sind insbesondere im Profifußball sehr gut dokumentiert. Es lässt sich aus den Untersuchungen entnehmen, dass in jeder Profimannschaft etwa vier bis acht schwerwiegende Verletzungen pro Saison erwartet werden können. Das heißt, dass 20 bis 25 Prozent der Spieler pro Saison einen Monat aufgrund von Verletzungen nicht am Spielgeschehen teilnehmen können. Bei jugendlichen Fußballspielern variieren die Zahlen von 0,5 bis 13,7 Verletzungen pro 1000 Stunden Fußballspiel. Mit zunehmendem Alter steigt bei den Jugendlichen die Verletzungsrate und bei den 17- bis 20jährigen ergibt sich sogar eine leicht höhere Verletzungsrate als bei Erwachsenen. Bei Turnieren oder in Wettkämpfen ist die Verletzungshäufigkeit deutlich höher als im Training.

Die meisten Verletzungen ereignen sich zwischen der 31. und der 45. bzw. der 76. und 90. Spielminute, das heißt, jeweils zum Ende einer Halbzeit. Sie gehen meistens auf Körperkontakt zurück. Die Hälfte aller Verletzungen wird durch Foulspiel verursacht. Die untere Extremität wird am häufigsten verletzt. Dabei steht die Oberschenkelverletzung mit 23 Prozent vor der Sprunggelenksverletzung (17 Prozent) und der Knieverletzung (16 Prozent). Unterschenkel und Leiste folgen mit 14 Prozent und elf Prozent.

Die häufigste Verletzung ist die Prellung der unteren Extremität. Etwa ein Viertel der Verletzungen wiederholen sich an gleicher Stelle. Die häufige muskuläre Oberschenkelverletzung wird in zwei Arten unterteilt: zum Einen die häufige Prellung der Oberschenkelstreckmuskulatur und zum Anderen die Zerrung der Beugemuskulatur in Folge von Überdehnung und Abbremsen. Eine Prellung hinterlässt in der Regel eine Prellmarke, die Ruptur eines Muskels zeigt oftmals eine Delle. Ein Hämatom zeigt sich nur bei einer intermuskulären Verletzung. Eine intramuskuläre Verletzung bleibt ohne sichtbare Hautverfärbung. Funktionelle Muskeltests müssen die Diagnose sichern. Die akute Behandlung besteht aus dem so genannten „PECH – Schema“ (Pause – Eis – Compression – Hochlagerung). Da intramuskuläre Blutungen bis zu 48 Stunden anhalten können, ist das oberste Behandlungsziel die Blutung so gering wie möglich zu halten. Es sollten zunächst für vier bis fünf Tage keine Massagen durchgeführt werden. Als medikamentöse Therapie hat sich die Kombination Cox II Inhibitoren und entzündungshemmenden Enzympräparaten bewährt. Ergänzend haben auch homöopatische Mittel, die Arnika enthalten, gute Ergebnisse gezeigt.

Akute Sehnenrupturen müssen kurzfristig operativ versorgt werden. Intramuskuläre Blutungen heilen deutlich länger als intermuskuläre Blutungen. Es ist von daher für die prognostische Aussage extrem wichtig, die Blutungsart differenzialdiagnostisch zu klären. Die Prognose der muskulären Verletzungen ist gut. Es sollte jedoch darauf geachtet werden, dass der Sportler das Training nicht zu früh wieder aufnimmt, da sonst die Gefahr der erneuten Verletzung an gleicher Stelle besteht, und es somit zu einer ungleich längeren Verletzungspause kommt.

Ein diagnostisches Chamäleon ist der Leistenschmerz des Fußballers. Es gibt vielerlei Zustände, die den Schmerz in die Leistenregionen projizieren, unabhängig davon, ob sie direkt aus der Leiste stammen. Häufige Ursachen des Leistungsschmerzes sind die Zerrung der Adduktoren sowie des M. Rectus Abdominis, Rectus Femoris und Iliopsoas. Differenzialdiagnostisch muss unbedingt auch immer an den Leistenbruch gedacht werden. Die Behandlung erfolgt auch hier nach der PECH-Regel und der oben erwähnten Medikamenteneinnahme.

Bei den Knieverletzungen stehen die Verletzungen des vorderen Kreuzbandes oftmals in Verbindung mit dem medialen Seitenband und dem Innenmeniskus sowie Knorpelverletzungen im Vordergrund. Insbesondere bei den Knieverletzungen ist eine schnelle Entscheidungsfindung des Mannschaftsarztes auf dem Spielfeld unabdingbar. Es muss durch den Unfallhergang, die Beschreibung des Spielers und durch eine fundierte klinische Untersuchung das Ausmaß der Knieverletzung bestimmt werden. Der Spieler muss gegebenenfalls vom Spielfeld getragen werden. Die akute Behandlung besteht auch hier mit der PECH-Regel, welche für wenigstens 24 Stunden fortgeführt werden sollte.

Die Meniskusverletzung ist die häufigste Verletzung des Kniegelenks im Fußballsport, wobei der Innenmeniskus fünf Mal häufiger betroffen ist als der Außenmeniskus. Bei akuten Blockierungen nach einem Verdrehtrauma kann von einer frischen Meniskusverletzung ausgegangen werden. Es sollte dann zügig die Diagnostik und Therapie mittels Arthroskopie vorgenommen werden. Da die Kniegelenksarthrose nach Meniskusentfernung eine häufige Ursache für die Aufgabe des Fußballsportes ist, wird die Durchführung der Meniskusnaht empfohlen, insbesondere bei den Amateuren.

Die Knorpelverletzung kommt beim Fußball isoliert und in Verbindung mit Meniskusläsionen vor. Diese Art der Verletzungen sorgt regelhaft für einen langen Ausfall des Spielers. Jüngstes Beispiel ist der Spieler des FC-Bayern, Sebastian Deisler. Auch bei den Kickers Offenbach fehlt Lars Weißenfels wegen einer Knorpelablederung bereits seit vier Monaten. Neben der klinischen Untersuchung ist bei der Diagnostik die Kernspinntomographie hilfreich. Therapeutisch gehen die Meinungen der Sanierung von akuten Knorpelverletzungen auseinander. Die Rehabilitation ist in jedem Fall langwierig, und der Spieler fällt für mindestens sechs bis acht Monate aus.

Eine weitere häufige Verletzung im Fußball ist die des Sprunggelenkes. Hierbei sind am häufigsten die Außenbänder betroffen und deutlich seltener die medialen Ligamente (Bänder). Nicht übersehen werden dürfen die Syndesmosenverletzung (Verbindung zwischen Schien- und Wadenbein) und bei jugendlichen Fußballern auch die Epiphysenverletzung (Wachstumsfuge). Typischer Verletzungsmechanismus ist der Gegnerkontakt, wobei das obere Sprunggelenk gestreckt und innenrotiert wird. Bei der Akutbehandlung auf dem Spielfeld steht auch hier im Vordergrund, eine rasche Entscheidung zu treffen, ob der Spieler eine signifikante Bänderverletzung erlitten hat. Wichtigste Soforttherapie ist auch hier das PECH- Schema. Es gilt auch hier die Grundregel: Je schneller die Blutung gestoppt und die Gelenksschwellung eingedämmt wird, desto kürzer ist die Rehabilitation für den Spieler. Die konservative Behandlung der Bandverletzungen am oberen Sprunggelenk steht im Vordergrund. Ausnahme bildet hier die Syndesmosenverletzung, die durch Reposition, Naht und Stellschraube versorgt werden sollte.

Glücklicherweise selten, jedoch ernst zu nehmen sind Schädel-Hirnverletzungen. Hier ist insbesondere der erstbehandelnde Mannschaftsarzt auf dem Spielfeld gefragt. Beim geringsten Verdacht auf eine Gehirnerschütterung oder eine schwerere Hirnverletzung muss der Spieler sofort aus dem Spiel genommen und einer entsprechenden Diagnostik (CCT) zugeführt werden.

Dr. Ingo Tusk, Frankfurt

Der Autor ist Facharzt für Orthopädie, Spezielle Orthopädische Chirurgie und Sportmedizin; er leitet die Sport-Kniesprechstunde an der Orthopädischen Universitätsklinik Stiftung Friedrichsheim, Frankfurt am Main; seit 2001 ist er Vorstandsmitglied und Weiterbildungsbeauftragter des Sportärzteverbandes Hessen; von 2001 bis 2003 wirkte er als Kooperationsarzt beim Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt; seit 2005 arbeitet er als Mannschaftsarzt beim Zweitligisten Kickers Offenbach; für die Betreuung der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 ist er akkreditierter Fifa-Arzt; am 6. Mai 2006 wurde Dr. Ingo Tusk zum Vizepräsidenten der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention gewählt.

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