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WM-Fußball auf Kunstrasen: Ein Risiko?

Sehr geehrte Damen und Herren,

erstmals wird bei der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen auf Kunstrasen gespielt. Kritik und Aufregung waren groß vor dem am 6. Juni in Kanada beginnenden Turnier. Sogar eine Klage gab es zwischenzeitlich gegen den Weltfußball-Verband FIFA. Doch sind die Spiele auf künstlichem Gras tatsächlich gefährlicher als die auf Naturrasen? Der GOTS-Newsletter von Prof. Jürgen Freiwald klärt auf.

Der 30. Jahreskongress der GOTS findet vom 12. bis 13. Juni 2015 in Basel statt. Zur Pressekonferenz am Donnerstag, 11. Juni 2015, 11.00 Uhr  können Sie sich unter presse@gots.org anmelden. In der Heimatstadt des 17-maligen Grand-Slam-Siegers Roger Federer wird Tennis ein thematischer Schwerpunkt sein.

Auf dem Podium erwarten Sie:
Prof. Dr. Dr. Victor Valderrabano (GOTS-Präsident)
Prof. Dr. Beat Hintermann (Kongresspräsident)
Prof. Dr. Roland Biedert (Teamarzt der Schweizer Davis-Cup-Mannschaft)
Dr. Lukas Weisskopf (Schweizer Teamarzt bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014)

Bitte notieren Sie diesen Termin in Ihrem Redaktionskalender:

Pressekonferenz „Return to Play im Tennis“
Donnerstag, 11. Juni 2015, 11.00 Uhr 
Hotel Pullmann Basel Europe
Raum Estrade 2+3
Clarastrasse 43
CH-4005 Basel 

Das detaillierte Kongressprogramm finden Sie unter gots-kongress.org

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Andreas Bellinger, presse@gots.org

WM-Fußball auf Kunstrasen: Ein Risiko?

Zum ersten Mal in der Geschichte des Fußballs wird eine Weltmeisterschaft auf Kunstrasen gespielt. Ein Sturm der Entrüstung war die Folge, als diese Entscheidung für die am 6. Juni beginnende Frauenfußball-WM in Kanada bekannt gegeben wurde. Auch deutsche Spielerinnen wie Torhüterin Nadine Angerer liefen dagegen Sturm. Die Welt-Fußballerin 2013 und ihre Kolleginnen beklagen eine Ungleichbehandlung, und sie fürchten das Verletzungsrisiko auf dem künstlichen Grün. Ob zu Recht beschreibt unser aktueller Newsletter.

Technische Entwicklungen von Kunstrasen

In den letzten Jahren hat die Entwicklung von Kunstrasenoberflächen große Fortschritte gemacht; mittlerweile ist bereits die vierte Generation von Kunstrasenoberflächen auf dem Markt. Zusätzlich zu den reinen Kunstrasenflächen gibt es hybride Spielflächen, welche die Vorteile von Natur- und Kunstrasen zu verbinden versuchen. Hybride Rasen sind im nationalen und internationalen Stadionbereich immer häufiger anzutreffen. Beispielsweise bei den Top-Vereinen in München oder Wolfsburg, die in diesem Jahr mit ihren Frauen- und Männer-Mannschaften die Bundesliga anführen.
Die teilweise negativen Erfahrungen mit den Kunstrasenplätzen der ersten und zweiten Generation mit gewöhnungsbedürftigen Spieleigenschaften und erhöhten Verletzungsquoten sind inzwischen Vergangenheit (Dragoo & Braun, 2010; S. Williams, Hume, & Kara, 2011). Die Frage, welche Gefahren der Fußball auf Kunstrasen birgt, ist dennoch nicht eindeutig zu beantworten. Dazu spielen zu viele Faktoren wie bei-spielsweise das Geschlecht, das Alter, die Leistungsklasse sowie der Pflegezustand eine gewichtige Rolle (Kaalund & Madeleine, 2014; Meyers, 2013).
Kunstrasenflächen der dritten und mittlerweile schon vierten Generation sind allerdings sehr nahe an die Spieleigenschaften von gepflegten Naturgrasbelägen herangerückt. Burillo, Gallardo, Felipe & Gallardo (2014) untersuchten bei insgesamt 404 männlichen Fußballspielern im spanischen Ligafußball die Erfahrungen und Bewertungen. Die Spieler schätzen insbesondere die Ebenheit der Spielfläche und den guten Pflegezustand; die Mehrzahl bevorzugte es, auf Kunstrasen statt auf wenig gepflegtem Naturrasen zu spielen (Burillo et al., 2014).
Untersuchungen von Hughes et al. (2013) sowie von Stone et al. (2014) zeigen, dass es auf Natur- und Kunstrasen keine Unterschiede der konditionellen Anforderungen in Bezug auf Herzfrequenz, Laktatwert, Sprintschnelligkeit und Sprünge gibt (Hughes et al., 2013; Stone et al., 2014).

Kunstrasen und Verletzungsgefahren

Immer wieder steht die Behauptung im Raum, die Verletzungsquote auf Kunstrasenplätzen sei besonders hoch. Zu dieser Thematik gibt es zwar nur wenige, jedoch hochrangige Studien. Zunächst ist es schwierig, Verletzungen so zu klassifizieren, dass sie auf die Spielfläche zurückgeführt werden können (z.B. Hautabschürfungen und Infektionen). Unklar ist auch, ob es je nach Spielfläche spezifische Über- und Fehlbelastungsmuster gibt wie zum Beispiel Reizungen der Sehnen auf Kunstrasen.

Eine Gefahr für Über- und Fehlbelastungen der unteren Extremitäten würde sich dann ergeben, wenn auf Kunstrasen die biomechanischen Belastungen des Halte- und Bewegungsapparates höher wären als auf Naturrasen. Untersuchungen von McGhie and Ettema (2013) zeigen jedoch, dass auf Kunstrasenflächen bei angepasstem Schuhwerk keine höheren biomechanischen Belastungen auf den Halte- und Bewegungsapparat wirken als auf Naturgras (McGhie & Ettema, 2013).

Vorbehalte gegen Kunstrasen

Trotzdem haben weiterhin sehr viele Fußballspieler mehr oder minder große Vorbehalte gegen Kunstrasen. So wie auch das Gros der deutschen Nationalspielerinnen um Torfrau Nadine Angerer. Die Welt-Fußballerin 2013 hatte sich vor der am 6. Juni in Kanada beginnenden Weltmeisterschaft sogar einer Klage gegen den Weltfußballverband FIFA angeschlossen, weil erstmals in der Geschichte von Fußball-Weltmeisterschaften auf Kunstrasen gespielt wird. Inzwischen haben sich die Wogen zwar geglättet und die Klage wurde zurückgezogen, aber auch international pflegen die meisten Spielerinnen weiterhin Vorbehalte gegen den künstlichen Untergrund.
Generell herrscht im Fußball noch immer eine ablehnende Haltung gegen Kunstrasen vor. Im Hockey dagegen ist Kunstrasen schon seit Jahren üblich und vor allem wegen der ebenen Spielfläche geschätzt. Ohnehin sprechen die objektiven Daten gegen die negativen Bewertungen.
Kaalund und Madeleine (2014) untersuchten in einer prospektiven Studie bei 75 Nachwuchsfußballspielern der U15 – U17 den subjektiv empfundenen Komfort beim Wechsel von Natur- auf Kunstrasen der dritten Generation. Es zeigte sich, dass der von den Spielern subjektiv empfundene Komfort auf Kunstrasen geringer war, obwohl die biomechanischen Belastungen vergleichbar sind (McGhie & Ettema, 2013). Die Autoren empfehlen daher, bei einem Wechsel von Natur- auf Kunstrasen eine Zeit der Eingewöhnung zu gewähren (Kaalund & Madeleine, 2014).

Vergleichsstudien zur Verletzungshäufigkeit

Während viele Spieler subjektiv eine höhere Verletzungsgefahr auf Kunstrasen annehmen, sprechen die objektiven Daten dagegen. Bei männlichen Hochleistungsspielern ereigneten sich je 1.000 Stunden Training auf Kunst- und Naturrasen jeweils 3,3 Verletzungen; während 1.000 Stunden Spiel ereigneten sich auf Kunstrasen 22,4 und auf Naturrasen 21,7 Verletzungen. In einer weiteren Studie mit männlichen Elitespielern wurden je 1.000 Spielstunden im Training 2,42 Verletzungen auf Kunstrasen und 2,49 auf Naturrasen gezählt. Im Wettkampf waren es 19,60 auf Kunstrasen und 21,48 auf Naturrasen (Übersicht in Poulos et al., 2014).

J. H. Williams, Akogyrem, and Williams (2013) führten eine große Meta-Analyse zum Vergleich der Verletzungshäufigkeit auf Naturrasen und Kunstrasen durch. Erfasst wurden 1,5 Millionen Trainingsstunden und mehr als 10.000 Verletzungen. Die Arten der Verletzungen wurden unterteilt in Knietraumen, Sprunggelenks- und Fußtraumen, Verstauchungen und Muskelverletzungen. Sowohl bei der Gesamtverletzungsrate als auch bei den Verletzungstypen zeigte sich, dass die Verletzungsquote auf Kunstrasen immer geringer als auf Naturrasen war (J. H. Williams et al., 2013).

Zusammenfassende Beurteilung

Die Diskussionen über die Vor- und Nachteile der Spieloberflächen werden sicherlich noch lange anhalten. Die schwierige Akzeptanz von Kunstrasenflächen ist sicherlich vom subjektiven Empfinden der Spieler beeinflusst. Kunstrasen wird gegenüber Naturrasen als weniger komfortabel wahrgenommen, obwohl die objektiv messbaren biomechanischen Belastungen vergleichbar sind. Bei der Entscheidung für oder gegen Kunstrasen müssen weitere, hier nicht besprochene Faktoren mit einbezogen werden. Dazu gehören klimatische Faktoren, Beanspruchung der Spielflächen und die notwendigen Kosten.

Über den Autor:

Prof. Dr. Jürgen Freiwald ist Leiter des Arbeitsbereichs Bewegungs- und Trainingswissenschaft am Institut für Sportwissenschaft der Bergischen Universität Wuppertal. In der Fußball-Bundesliga war der Sportwissenschaftler unter anderem bei Hannover 96 und Schalke 04 als Koordinator für Leistungsdiagnostik, Konditionstraining, Prävention und Rehabilitation tätig.

Literatur:

– Burillo, P., Gallardo, L., Felipe, J. L., & Gallardo, A. M. (2014). Artificial turf sur-faces: perception of safety, sporting feature, satisfaction and preference of football users. Eur J Sport Sci, 14 Suppl 1, S437-447.
– Dragoo, J. L., & Braun, H. J. (2010). The effect of playing surface on injury rate: a review of the current literature. Sports Med, 40(11), 981-990.
– Hughes, M. G., Birdsey, L., Meyers, R., Newcombe, D., Oliver, J. L., Smith, P. M., Kerwin, D. G. (2013). Effects of playing surface on physiological responses and per-formance variables in a controlled football simulation. J Sports Sci, 31(8), 878-886.
– Kaalund, S., & Madeleine, P. (2014). Effects of shock-absorbing insoles during transition from natural grass to artificial turf in young soccer players: a randomized controlled trial. J Am Podiatr Med Assoc, 104(5), 444-450.
– McGhie, D., & Ettema, G. (2013). Biomechanical analysis of surface-athlete impacts on third-generation artificial turf. Am J Sports Med, 41(1), 177-185.
Meyers, M. C. (2013). Incidence, Mechanisms, and Severity of Match-Related Col-legiate Women’s Soccer Injuries on FieldTurf and Natural Grass Surfaces: A 5-Year Prospective Study. Am J Sports Med, 41(10), 2409-2420.
– Peppelman, M., van den Eijnde, W. A., Langewouters, A. M., Weghuis, M. O., & van Erp, P. E. (2013). The potential of the skin as a readout system to test artificial turf systems: clinical and immunohistological effects of a sliding on natural grass and artificial turf. Int J Sports Med, 34(9), 783-788.
– Poulos, C. C., Gallucci, J., Jr., Gage, W. H., Baker, J., Buitrago, S., & Macpherson, A. K. (2014). The perceptions of professional soccer players on the risk of injury from competition and training on natural grass and 3rd generation artificial turf. BMC Sports Sci Med Rehabil, 6(1), 11.
– Stone, K. J., Hughes, M. G., Stembridge, M. R., Meyers, R. W., Newcombe, D. J., & Oliver, J. L. (2014). The influence of playing surface on physiological and perform-ance responses during and after soccer simulation. Eur J Sport Sci, 1-8.
– Williams, J. H., Akogyrem, E., & Williams, J. R. (2013). A Meta-Analysis of Soccer Injuries on Artificial Turf and Natural Grass. Journal of Sports Medicine, 2013, 1-6.
– Williams, S., Hume, P. A., & Kara, S. (2011). A review of football injuries on third and fourth generation artificial turfs compared with natural turf. Sports Med, 41(11), 903-923.

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