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Verletzungen im Rugby: Harter Kontaktsport mit hohem Risiko

Sehr geehrte Damen und Herren,

Rugby ist in vielen Ländern der Erde das, was hierzulande der Fußball ist. Die Sportart mit dem „Ei“ als Spielgerät gilt als eine der härtesten der Welt und ist im kommenden Jahr in Rio de Janeiro erstmals seit 1924 wieder olympisch. Bis Ende des Monats findet die Weltmeisterschaft mit 20 Mannschaften in England statt. Nach Olympia und Fußball-WM ist die Rugby-WM das drittgrößte Sportereignis der Welt, zu dem rund 470.000 Besucher aus aller Welt erwartet werden. Warum Rugby eine solche Beliebtheit erlangt, was die speziellen Gefahren im Gedränge und Tackling sind, beschreibt der aktuelle Newsletter – und geht der Frage nach, ob der harte Sport trotz aller Regeln nicht zu gefährlich ist.

Schon heute möchten wir Sie auf den 31. Jahreskongress der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS) hinweisen, der vom 17. bis 18. Juni 2016 in München stattfinden wird. Sie können einen aktiven Beitrag zum wissenschaftlichen Programm leisten – und von sofort an bis zum 01. Dezember 2015 ein Abstract über die Kongresswebsite gots-kongress.org zu folgenden Hauptthemen einreichen:

  • Überwachung von Sportverletzungen und Prävention
  • Tendinopathien und Muskelverletzungen
  • Meniskus
  • Arthrose und Sport
  • Freie Themen

Mit freundlichen Grüßen
Andreas Bellinger, presse@gots.org

 

Verletzungen im Rugby: Harter Kontaktsport mit hohem Risiko

Rugby ist weltweit eine beliebte Sportart. In Deutschland ist der harte Mannschaftssport zwar noch immer nicht besonders verbreitet, doch das kann sich vielleicht schon bald ändern. Denn bei den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro gehört Rugby erstmals seit 1924 wieder zum Kanon der olympischen Sportarten. Rugby ist ein extremer Kontaktsport, der viele Spielerpersönlichkeiten und -typen unterschiedlichster Konstitution in einem Team vereint. Standards und  Kollisionen, die für Außenstehende hart und brutal wirken, werden speziell trainiert, um die Muskulatur den Belastungen anzupassen. In den Statistiken ist Rugby gleichwohl im Verletzungsrisiko relativ hoch eingestuft. 

Im Vergleich zu anderen Sportarten geht es durch den extremen Körperkontakt im Rugby etwas rauer zu. Während die eine Mannschaft den Ball ins gegnerische Feld tragen oder ihn am Gegner vorbeikicken will, versucht die gegnerische Mannschaft dies zu verhindern, indem sie den balltragenden Spieler angreift. Diese typischen Spielsituationen, bei denen innerhalb der Mannschaft nur nach hinten gepasst werden darf, bergen bereits Verletzungsrisiken in sich. Punkte werden erzielt, wenn es einem Team gelingt, den Ball bis ins Malfeld zu bringen.

Herausforderungen und Risiken
Rugby fordert in einem hohen Maße Kraft und Kondition, aber auch Fähigkeiten wie Technik und Spielintelligenz sowie überdurchschnittliche körperliche Robustheit. In den meisten Fällen sind die Verletzungen wie beispielsweise Blutergüsse weniger gravierend. Ein Spieler gilt im Rugbysport erst dann als verletzt, wenn er das Feld während des Spiels verlassen muss oder nicht weiter am Wettkampf teilnehmen kann. Die Belastungen im Sturm mit den überwiegend statischen Spielsituationen – vergleichbar mit den sogenannten Standards im Fußball – unterscheiden sich deutlich von denen in der Hintermannschaft.

Rugby

Im „Gedränge“ drückt eine in sich gebundene Formation von acht Spielern gegen den ebenso formierten Gegner. Auf Kommando versuchen die Spieler, durch Schieben ihren Körper über den Ball zu bringen, wobei ihre Schultern und Köpfe auf denen der Gegenspieler liegen. Dabei wirken Kräfte von mehreren hundert Kilogramm insbesondere auf die Hals- und Lendenwirbelsäule.

Rugby

Rugby

 

Auch kann es zu Verletzungen des Ohres mit einem Bluterguss in der Ohrmuschel kommen.
Aus dieser Verletzung kann ein Blumenkohlohr (Ringerohr, rechts) entstehen. Zum Schutz kann ein Kopfschutz getragen werden (Bild unten).

Rugby

In der „Gasse“ wird der Ball von der Seitenauslinie in das Spielfeld geworfen; die Spieler versuchen, durch Heben eines Mitspielers (Liften) den Ball in Höhen von bis zu vier Metern zu fangen. Dabei stürzen die Gassenfänger häufig zu Boden – mit dem entsprechenden Verletzungsrisiko für Sprunggelenke und Thorax.

Die Hintermannschaft versucht, den Ball durch schnelles Fangen und Abspielen in die gegnerische Hälfte zu tragen, um ihn hinter den Stangen (Tore) im Malfeld abzulegen und einen sogenannten Versuch zu erhalten. Dabei werden schnelle Richtungswechsel praktiziert – oder es wird versucht, den Ball durch konsequentes Blockieren des Gegners (Tackling oder auch Tiefhalten genannt) zurückzuerobern. Dabei besteht die Gefahr von Verletzungen vor allem für die Bänder der Sprung-, Knie- und Schultergelenke, den Thorax sowie für die Muskeln.

Art und Häufigkeit der Verletzungen
Nach Angaben des öffentlichen französischen Gesundheitsdienstes (InVS) sind  in 30 Prozent aller Verletzungen die Muskeln betroffen – was sowohl für Amateure als ach Profis zutrifft. Während junge Spieler eher Brüche erleiden, kommt es bei älteren Spielern tendenziell zu Blutergüssen und Verstauchungen.

Rugby MundschutzVerletzungen im Gesicht, die häufig stark bluten, sehen meist schlimmer aus, als sie sind. Zum Schutz der Zähne wird ein Mundschutz (Bild) getragen. Seit der Zahnschutz in Neuseeland  vorgeschrieben ist, sind dort die Rugby bezogenen Zahn- u. Kiefer-Verletzungen um 47 Prozent zurückgegangen.

Die am häufigsten auftretende Verletzung beim Rugby ist aber die Distorsion des Sprunggelenkes. Durch das Überdehnen kann es an der Außenseite zu einer Schädigung der Gelenkkapsel und der Außenbänder kommen. Infolge des starken Drucks an der Knöchelinnenseite können Knorpelschädigungen am Talus und Unterschenkel auftreten. Je nach Schwere der Verletzung handelt es sich um eine Überdehnung oder einen Riss des Gewebes an der Außenseite. Ebenso wie eine Hautwunde heilt das geschädigte Gewebe von selbst. Das gilt jedoch nicht für Muskeln und Sehnengewebe, sie müssen trainiert werden. Dazu werden einfache Gleichgewichtsübungen und stabilisierende Übungen durchgeführt.

Das Knie ist das am zweithäufigsten verletzte Gelenk im Rugby. Durch eine Verdrehung können Bänder und Menisken beschädigt werden. Auch der Daumen ist gefährdet: Eine akute Daumenverletzung entsteht häufig beim Festhalten des Gegners während des „tackle“. Dabei werden Bänder und Kapsel überdehnt oder sie reißen sogar. Ein kompletter Bänderriss kann weniger schmerzhaft sein, da das geschädigte Band nicht mehr unter Spannung steht. In diesem Fall wirkt der Daumen unnatürlich beweglich. Verletzte Gelenke können mit Tape oder Verband gestützt und stabilisiert werden. Die Anwendung von Eis kann Blutungen und weitere Schwellungen verhindern und die Genesungszeit verkürzen.

Ein Akteur, der eine Gehirnerschütterung erleidet, muss sofort aus dem Spiel genommen werden und mindestens drei Wochen mit dem Training und dem Wettkampf aussetzen. Erst wenn der Arzt sein Okay gibt und die wiedererlangte Sportfähigkeit attestiert wird, darf mit dem Training wieder begonnen werden. Bevor ein Athlet aber auf den Platz und in den Wettkampf zurückkehrt, ist es unabdingbar, dass er vollkommen genesen ist. Erst wenn die Muskelkraft, die volle Beweglichkeit, die Koordination und das Gleichgewicht wiedererlangt sind, ist der schrittweise „Return to Play“ mit sportartspezifischem Training sinnvoll.

Verletzungen im Rugby: Fakten und Ursachen
Rugby ist ein Mannschaftssport mit schnellen Bewegungen und hoher Intensität. Verletzungen sind dabei statistisch gesehen dreimal häufiger als beim Fußball oder American Football. Wegen der höheren Beanspruchung treten die Verletzungen in Matches allgemein häufiger auf als im Training. Rüstungen sind generell nicht erlaubt, deshalb ist das Bewusstsein für die Verletzungsgefahr und die Notwendigkeit eines spezifischen Trainings bei vielen Spielern geschärft. Auf diese Weise kann das Auftreten schwerer Verletzungen stark reduziert werden.

Die meisten Verletzungen treten bei Jugendlichen im Alter zwischen 10 und 18 Jahren auf. In 90 Prozent der Fälle sind Jungen betroffen. Das höchste Verletzungsrisiko trifft die Spieler in den Mannschaftsteilen „backs“, „wings“, „fullbacks“ und „centres“. Die meisten Gesichtsverletzungen und das sogenannte Blumenkohlohr (cauliflower ear) treten im Gedränge (scrum) auf. Spieler, die in den „rucks“ und „mauls“ um den Ball kämpfen, erleiden meist Verletzungen an den Daumen und anderen Fingern sowie Abschürfungen und Risswunden, die von den Stollen herrühren.

Jeder vierte Spieler erleidet eine Verletzung pro Saison. Die sogenannten „hooker“ (Hakler) und „flankers“, die im Gedränge die Außenseiten besetzen, bekommen die meisten Verletzungen ab. Stürmer sind häufiger verletzt als ihre Hinterleute (backs); weil sie mehr  physischen Kollisionen und „tackles“ (Bild) ausgesetzt sind.

Rugby

Im Durchschnitt hat jeder Rugbyspieler pro Partie zwischen 20 und 40 „tackles“. Fast 25 Prozent aller Verletzungen am Hals entstehen in den vorderen Reihen beim Gedränge. Im Vergleich zum Training treten im Spiel mehr Verletzungen (57 Prozent) auf; meistens in der zweiten Hälfte eines Spieles, wenn Kraft und Konzentration nachlassen. Etwa die Hälfte aller Verletzungen entstehen beim Tackling oder wenn ein Spieler getackelt wird.

Mehr als 40 Prozent der Verletzungen sind Zerrungen, Prellungen (Blutergüsse) oder betreffen die Muskeln; 30 Prozent sind Verstauchungen, Verrenkungen – gefolgt von Knochenbrüchen, Schnittwunden und Überlastungsverletzungen. Bei jeder siebten Verletzung handelt es sich um einen verstauchten oder gezerrten Knöchel. 5 bis 25 Prozent der Rugbyverletzungen sind Kopfverletzungen, inklusive Gehirnerschütterungen.

Bei Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren treten in 35 Prozent der Verletzungsfälle Knochenbrüche auf, von denen 24 Prozent das Schlüsselbein betreffen. Oberflächliche Verletzungen repräsentieren 20 Prozent der Rugby-Verletzungen – gefolgt von Kopfverletzungen und Verstauchungen (16 Prozent). Von den Kopfverletzungen sind 44 Prozent Gehirnerschütterungen (Contusion).

Verletzungen der verschiedenen Körperregionen

Erwachsene Kinder
24% Kopf/Gesicht/Hals 27%
21% obere Extremität 31%
 5% Rumpf 18%
48% untere Extremität 22%
2% Sonstiges 2%

 

Prävention und Sicherheit

Passive präventive Maßnahmen:

  • Zahnschutz (seit der Zahnschutz in Neuseeland  vorgeschrieben ist, sind die Rugby bezogenen Zahn- u. Kieferverletzungen um 47 Prozent zurückgegangen)
  • Schuhe (Stollen/Sohlen sollten dem Wetter und Boden angepasst sein)
  • Kopfschutz
  • Gepolsterte Ausrüstung

Die Ausrüstung muss den Regeln des internationalen Rugby-Verbandes (IRB) entsprechen und zugelassen sein. Vor größeren Verletzungen ist ein Spieler trotz Tragens dieser gepolsterten Ausrüstungen aber nicht geschützt. Vor allem dürfen sie aber nicht als Schutz für einen noch nicht vollständig regenerierten Spieler benutzt werden.

Aktive präventive Maßnahmen:

  • intensive Vorbereitung (langsam steigende Intensität und Dauer)
  • besonderes Augenmerk auf „defensive skills“
  • Training der Falltechnik
  • Tackling-Strategien (Minimieren von Stoßkräften)
  • Stärkung der Halsmuskeln
  • Techniken für Kontaktphasen

Vor allem bei den „tackles“ kommt es immer wieder zu Verletzungen. Deshalb sind hier besondere Strategien zur Prävention sowie die Kenntnis und Anwendung der Grundregeln der „tackles“ von besonderer Bedeutung und ein stetig wiederkehrender Trainings-Schwerpunkt.

Über die Autoren:
Prof. Dr. Holger Schmitt praktiziert an der ATOS-Klinik in Heidelberg und ist dort Leiter des Zentrums für sporttraumatologische Chirurgie. Der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, spezielle orthopädische Chirurgie und Rheumatologie war von 2008 bis 2013 Präsident der GOTS.
Dr. Frank Fleischmann ist Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin und praktiziert in Heusenstamm. Fleischmann ist Verbandsarzt des Deutschen Rugby-Verbandes (DRV).

Fachzeitschrift

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Sportorthopaedie Traumatologie Magazine

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