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Telemark

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Ski-Saison ist in vollem Gange. Eine verhältnismäßig junge Sportart gewinnt dabei auf den Pisten immer mehr Anhänger: Telemark. Die Mitte des 19. Jahrhunderts in Norwegen erstmals gezeigte und erst in den 1970er-Jahren auch außerhalb Skandinaviens beachtete Technik unterscheidet sich vom alpinen Skifahren vor allem darin, dass lediglich die Spitzen der Skischuhe durch eine Bindung fixiert sind. Noch ist Telemark keine olympische Disziplin, es gibt aber eine Weltcupserie mit 15 bis 25 Rennen pro Saison; zudem wird jedes zweite Jahr eine Weltmeisterschaft veranstaltet. In diesem Winter findet die WM vom 15. bis 19. März 2017 im französischen La Plagne/Montchavin-les-Coches statt. Von der Spannung und Rasanz der verschiedenen Wettkampf-Disziplinen, dem statistischen Risiko und den Gründen für die schwierige Verletzungsprophylaxe etc. handelt der aktuelle GOTS-Newsletter unseres Experten Dr. med. Sebastian Sinz.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Andreas Bellinger, GOTS-Pressesprecher presse@gots.org


Der 32. Jahreskongress der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS) wird vom 22. bis 24. Juni 2017 im Grand Hotel Esplanade in Berlin stattfinden. Ehrengast der Veranstaltung wird Prof. Per Hölmich sein, der Chefarzt der Chirurgie und Leiter des Arthroskopie-Centers an der Universitätsklinik in Kopenhagen. „Prof. Hölmich ist einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der Sportverletzungen in der Leistenregion. Er wird uns darstellen, wie diese Verletzungen systematisch diagnostiziert, ihre Ursachen analysiert und pathologiespezifisch therapiert werden“, sagt Kongresspräsident PD Dr. Oliver Miltner. Bereits am PreDay (22. Juni 2017) erwarten Sie interdisziplinäre Workshops und ein eigenes Programm der Young Academy. Weitere Informationen entnehmen Sie bitte der Kongresswebsite (www.gots-kongress.org) sowie dem Anhang dieses Newsletters.


Wir möchten Sie zudem auf drei Veranstaltungen hinweisen: Die Tanzmedizinischen Tage (www.symposium.tamed.eu) sind am 17./18. Februar 2017 in Wien geplant. Das Programm zu dem Symposium können Sie unter www.tamed.eu/vernetzen/symposium-2017/programm-17 abrufen. Am 24./25. Februar 2017 findet in Leipzig der 6. Hüftarthroskopie Workshop statt. Dazu finden Sie im Anhang dieses GOTS-Newsletters ebenso einen Flyer wie für die Veranstaltung Sporttrauma Würzburg, bei der am 24. März 2017 der Fußball das Schwerpunktthema sein wird.

Telemark: Disziplin aus Riesenslalom, Skispringen und Skating

Telemark ist eine Disziplin des Internationalen Skiverbandes (FIS). Das Spezielle des Stils ist im Vergleich zum alpinen Skifahren, dass die Ferse beweglich und nicht fixiert ist. Die Sportart Telemarken kommt ursprünglich aus Norwegen. Sie geht zurück auf den aus Morgedal in der Provinz Telemark stammenden Norweger Sondre Norheim, der die Technik Mitte des 19. Jahrhunderts bei einem Skisprungwettbewerb erstmals gezeigt hatte.

Telemark ist eine Abfahrtsskitechnik, bei der lediglich die Spitzen der Skischuhe durch eine Bindung fixiert sind. Die Fahrerinnen und Fahrer knien auf dem (kurveninneren) bergseitigen Ski, indem sie die Ferse des hinteren Fußes hochheben und den Talski nach vorne schieben. Telemark im Rennsport verbindet verschiedene Disziplinen in einem Lauf: Riesenslalom, Skispringen und Skating. Mit der charakteristischen Knieflexion bei jedem Schwung erfordert Telemark Kraft, Koordination und Ausdauer.


Abb.1:
 Der dreimalige Weltmeister und Gesamtweltcupsieger Tobias Müller vom SC Fischen in gekonnter Telemarkhaltung.

Die relativ junge Sportart, die erst in den 1970er-Jahren auch außerhalb Skandinaviens Beachtung fand, ist noch keine olympische Disziplin, hat aber jede Saison eine Weltcupserie mit 15 bis 25 Rennen; jedes zweite Jahr wird zudem eine Weltmeisterschaft veranstaltet. In diesem Winter findet die WM vom 15. bis 19. März 2017 im französischen La Plagne/Montchavin-les-Coches statt.

Die Größe der Starterfelder bei Telemark-Wettkämpfen ist mit der im Alpinskifahren nicht vergleichbar. Die Zahl der Teilnehmer bei Weltcuprennen variiert zwischen 40 und 90 Athleten bei den Männern – und zwischen 20 und 35 Athletinnen bei den Frauen. Es gibt verschiedene Trainingszellen – mehrheitlich natürlich im Süden der Bundesrepublik, aber selbstverständlich auch in Österreich und der Schweiz. Noch ist die Verbreitung der Sportart allerdings regional stark abhängig vom Idealismus einzelner „Telemarkverrückte“. Dank der Unterstützung durch persönliche Sponsoren können einige der besten Athleten als Halbprofi trainieren.

Wettkampfablauf

Im Telemark gibt es drei verschiedene Disziplinen: Parallelsprint, Classic und Sprint. Es gibt zwei Läufe, die durchschnittlich jeweils 60 bis 90 Sekunden dauern. Die Laufzeiten werden zusammengezählt. Der Parcours besteht aus einem Riesenslalom mit einem Sprung, einer 360-Grad-Steilwandkurve und einer Skatingstrecke. Der Anteil vom Riesenslalom im Vergleich zum Skating beträgt zwischen 50 und 66 Prozent (FIS 2013).

Die Reihenfolge der verschiedenen Elemente ist folgendermaßen geregelt: Es beginnt mit einem Riesenslalom, der von einem Sprung unterbrochen wird; anschließend folgt eine 360-Grad-Steilwandkurve, die auch dazu dient, die Geschwindigkeit vor der abschließenden Skating-Strecke zu drosseln.

Sprintablauf
Abb.2: Sprintablauf.

Neben der Zeit wird auch die Technik bewertet: Für jeden Schrittfehler – etwa bei der Telemarkposition in der Kurve oder bei der nicht korrekt ausgeführten Sprunglandung –  gibt es eine Strafsekunde.

Parallelslalom
Abb.3:
Parallelslalom: Attraktives, rasantes und spannendes Duell „Mann gegen Mann“.

Beim Sprung muss eine Mindestweite erreicht werden. Wird die in den  Schnee gezeichnete Linie (bei Männern-Rennen ca. 30 m – bei Frauen-Rennen ca. 20 m) nicht geschafft, bekommt der Starter drei Strafsekunden, die zur Laufzeit addiert werden.

Tobias Müller Sprung
Abb.4:
Tobias Müller beim Sprung.

In Zusammenarbeit mit dem Oslo Sports Trauma Research Center (OSTRC) hat das vom Ski-Weltverband FIS entwickelte Injury Surveillance System (FIS ISS) eine genaue Statistik der Verletzungen in der FIS-Disziplin Telemark erarbeitet – beginnend mit der Wintersaison 2006/2007.

Verletzungen
Abb.5:
Anzahl aller Verletzungen pro 100 Telemarker.

Von 2008 bis 2014 ereigneten sich im Durchschnitt 28 Verletzungen pro 100 Telemarker. Etwa 50 Prozent der Verletzungen passierten beim Schneetraining, knapp über 40 Prozent bei Weltcup-Rennen. Mit Abstand am häufigsten kommt es zu  Gelenk-Bandverletzungen am Knie sowie an der Hand. Nahezu ein Viertel aller Verletzungen führen zu einer Abwesenheit von Training und Wettkampf über einen Zeitraum von 28 Tagen.

Art der Verletzungen aller Unfälle von 2006 – 2014:

Verletzungsart beim Telemark

Anzahl (Prozent)

Knochenbruch / Stressfrakur

Gelenk/ Bandapparat

Muskulatur/Sehne

Prellung

Hautverletzung

Nervensystem, Schädel-Hirntrauma

Andere

Keine Angaben

30 (17,3)

71 (41,0)

26 (15,0)

26 (15,0)

5 (2,9)

10 (5,8))

5 (2,9)

0 (0)

Gesamt 173 (100)

Bereich der Verletzungen aller Unfälle von 2006 – 2014:

Verletztes Körperteil beim Telemark

Anzahl (Prozent)

Kopf/ Gesicht

Halswirbelsäule

Schulter, Schlüsselbein

Oberarm

Ellenbogen

Unterarm

Handgelenk

Hand, Finger, Daumen

Brustkorb (Brustbein, Rippen, Brustwirbelsäule)

Abdomen

Lendenwirbelsäule, Becken, Kreuzbein

Hüfte

Oberschenkel

Knie

Unterschenkel, Achillessehne

Sprunggelenk

Fuß, Ferse, Zehen

15 (8,7)

0 (0)

21 (12,1)

1 (0,6)

1 (0,6)

1 (0,6)

3 (1,7)

31 (17,9)

6 (3,5)

3 (1,7)

6 (3,5)

5 (2,9)

5 (2,9)

40 (23,1)

13 (7,5)

21 (12,1)

1 (0,6)

Gesamt 173 (100)

Grad der Verletzungen aller Unfälle von 2006 – 2014:

Schweregrad der Verletzung beim Telemark (Abwesenheit)

Anzahl (Prozent)

Kein Ausfall

1-3 Tage

4-7 Tage

8-28 Tage

> 28 Tage

keine Angaben

44 (25,4)

29 (16,8)

20 (11,6)

32 (18,5)

42 (24,3)

6 (3,5)

Gesamt 173 (100)

Überlastungsschäden:

Im Vergleich zu den Verletzungen spielen Überlastungsschäden während der aktiven Zeit eine untergeordnete Rolle. Wie sich die ständigen Belastungen beim Sprung und im Kreisel auf den Gelenkknorpel auswirken, kann bis dato nur vermutet, nicht aber abschließend beurteilt werden.

Verletzungsprophylaxe:

Die Vorbeugung von Verletzungen ist außerordentlich schwierig. Ein Grund dafür ist, dass viele Faktoren wie Ausrüstung, Kurssetzung, Anlage des Sprungs und Kreisels sowie die Schneebeschaffenheit und das Duell „Athlet gegen Athlet“ im Parallelsprint zusammenwirken. Überdies liegen derzeit nur wenige wissenschaftlich fundierte Untersuchungen zum Thema Verletzungsprophylaxe vor.

Schmidt Mueller
Abb.6:
Die Allgäuer Jonas Schmid und Tobias Müller am höchsten Punkt des 360-Grad-Kreisels

Kollision
Abb.7:
Kollision im 360-Grad-Kreisel.

Zielsprint
Abb.8:
Zielsprint in der Skating-Technik.

Vor allem durch den attraktiven, rasanten und spannenden Parallelsprint ist das Interesse der Fans und Anhänger in jüngster Zeit geweckt worden. Die Zuschauerzahlen wachsen stetig und befördern die Hoffnung, dass Telemark schon bald Aufnahme in den Kanon der Sportarten bei den Olympischen Winterspielen findet. Auf diesem Weg besteht die Herausforderung nun darin, den Telemarksport noch spektakulärer zu machen – ohne allerdings die Gesundheit der Athletinnen und Athleten zu gefährden.

Über den Autor:

Sebastian SinzDr. med. Sebastian Sinz ist im Deutschen Ski-Verband (DSV) Teamarzt der deutschen Telemark-Nationalmannschaft. Der Sportmediziner, der zweimaliger Ironman-Finisher ist, leitet eine Privatpraxis für Orthopädie und Unfallchirurgie und ganzheitliche Sportmedizin in Wasserburg am Inn (www.sportmedizin-sinz.de).

 

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