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Wildwassersport

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wildwassersport ist eine Trendsportart und findet immer mehr Anhänger. Auf ihrer Fahrt in reißenden Fluten begeistern die Kanu-Artisten in ihren Kajaks und Kanadiern nicht nur bei Olympischen Spielen, sondern auch im Alltags-Outdoor-Geschehen und vor allem im Rafting-Bereich wird der spektakulär anmutende Wildwassersport als Abenteuerangebot zunehmend kommerziell vermarktet. Ungefährlich ist die Sportart nicht, wenngleich schwere Verletzungen eher selten vorkommen. Kollisionen mit Steinen und anderen Hindernissen im Wasser, aber auch Überlastungsschäden werden beobachtet und erforscht. Warum die Sportler beim Kentern nicht ertrinken, warum körperliche und materialgebundene Anpassung unverzichtbar sind und wie das Risiko positiv beeinflusst werden kann, beschreiben Dr. Rolf Michael Krifter und Dr. Cornelia Zeitler im aktuellen GOTS-Newletter.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Andreas Bellinger, GOTS-Pressesprecher


Der 34. Jahreskongress der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS) findet vom 27. bis 29. Juni 2019 in Österreich statt. Zum Thema „Sport-Medizin: von 0 – 100“ laden Kongresspräsident Dr. Rolf Michael Krifter und Kongresssekretär Dr. Christian Lang nach Salzburg ein. Im Vordergrund der dreitägigen Veranstaltung sollen erstmals kindliche und jugendliche Sportverletzungen sowie Überlastungsschäden und Sport mit angeborenen Störungen stehen. Geplant sind außerdem Themen zu älteren sportlich aktiven Patienten mit spezifischen altersbedingten Verletzungsmustern und Überlastungsschäden. Ein weiterer wissenschaftlicher Schwerpunkt ist der zunehmenden Herausforderung „Sport mit Arthrose und Prothese“ gewidmet. Ihre Abstract-Anmeldung ist bis zum 1. Dezember 2018 möglich.


Wir möchten Sie zudem auf folgende Veranstaltungen hinweisen:
24. bis 25. August in Brunnen: 12. GOTS-Schweiz Sommerkongress zum Thema „Leichtathletik und Doping“ mit Referenten aus der Medizin und dem öffentlichen Leben. Anmeldungen sind unter www.gots.ch möglich.
06. bis 09. September 2018 in Wien: 4. Sportmedizinisches Symposium der Österreichischen Medizin Gesellschaft für Gesundheitsförderung in Trendsprotarten (ÖMGGT) (http://www.oemggt.org)
07. bis 08. September 2018 in Wien: GOTS Young Academy Hands-on-Workshop. Satellitensymposium im Rahmen des 4. Allgemein- und Sportmedizinischen Symposiums der ÖMGGT. Nähere Informationen finden Sie im Anhang dieses Newsletters.
15. September 2018 in Bietigheim-Bissingen:Bascetdocs-Symposium: Wearables und High-Tech im Sport (https://www.basketdocs.de)
03. bis 10. November 2018 auf Zypern: Sportmediterran (https://www.sportmediterran.at)
23. bis 25. November 2018 in Luxemburg: International Table Tennis Congress – linking practice and science (http://www.gots.org/wp-content/uploads/2018/06/TT_Congress_2018.pdf)

Im Anhang dieses Newsletters finden Sie zudem eine Pressemeldung des Deutschsprachigen Arthroskopieregisters „DART“, das von sofort an ein Schulter-Modul zur Verfügung stellt. Nach dem Knie ist die Schulter nun das zweite große Gelenk, welches in einem Modul zur Dateneingabe freigeschaltet ist. In dem weltweit einzigartigen Arthroskopie-Register werden seit Oktober 2017 alle validen Daten der Patienten, vor und nach einer arthroskopischen Operation erfasst und wissenschaftlich ausgewertet. DART umfasst Eingriffe in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Anmeldungen als Teilnehmer im DART sind möglich unter: https://www.arthroskopieregister.de/als-arzt-registrieren

Wildwassersport: Risiko im reißenden Strom

Outdoor-Sportarten erfahren seit Jahren deutlichen Zulauf wie auch der Wildwassersport, der lange als Domäne der Extremsportler galt. Ein steigendes Interesse wird vor allem auch von Freizeitsportlern beobachtet – mit den entsprechenden Folgen.1 Den Anreiz, den zuweilen als eintönig empfundenen Alltag hinter sich zu lassen, nutzt auch die Tourismusbranche für kommerzielle Aktionen. Der Anstieg lässt darüber hinaus den Markt an Ausrüstungen boomen. Wildwassersport ist heute Bestandteil eines Aktivurlaubs, auf der anderen Seite haben aber auch Individualisten den naturverbundenen Sport für sich entdeckt und so unterscheiden sich auch seine Spielarten und Folgen.

„Wildwassersport“ umfasst folgende Disziplinen:
Kanu: gilt als Überbegriff für Kajak und Kanadier im deutschen Sprachgebrauch
Kajak: Die Boote sind kleiner und werden mit Doppelpaddel sitzend gefahren, die Einstiegsluke wird meist wasserdicht verschlossen.
Kanadier: offene Boote, die von einer oder mehreren Personen kniend gefahren und mittels Stechpaddel gesteuert werden.
Rafts: sind luftgefüllte (Schlauch-)Boote, bieten ca. vier bis zehn Personen Platz und werden mit mehreren Stechpaddeln oder zusätzlich durch Guides mit langen Heckrudern gesteuert.


Abb.1: Kajak-Paddelschlag mit deutlicher Oberkörperrotation.

Abb.2: Playboat-Kajak-Manöver in der Welle mit Überschlag

Abb.3: Kanadier-Abfahrt im Wildwasser mit Stechpaddel.
®Fotos: Pressestelle Murau

Schwierigkeitseinteilungen:
Flüsse und die sogenannten „Runs“ (Teil-Befahrungen) werden ihrer Schwierigkeitsstufe entsprechend auf einer 6-teiligen Skala bewertet. Die Wildwasser-Athleten geben ihr Können anhand der Stufe an, die sie noch meistern können. In allen Disziplinen werden zudem Wettkämpfe abgehalten.2

Verletzungsraten
In Hinblick auf Verletzungen und Überlastungsschäden muss zwischen Freizeit- und Profisport unterschieden werden – und jede Disziplin gemäß ihren Anforderungen an die Athleten speziell bewertet werden. Angesichts der vergleichsweise geringen Zahl an Fachpublikationen ist die Angabe von Verletzungsraten schwierig. Viele Daten zur Verletzungshäufigkeit und Verletzungsart wurden mittels Fragebogen erhoben und weisen erhebliche subjektive Unterschiede auf.1,3,4,5

Verletzungen im Boot und außerhalb des Bootes
Verletzungen im Paddelsport (Kajak und Kanadier) treten meist im Boot auf6, beim Rafting hingegen zu gleichen Teilen im Boot und beim Kentern bzw. anschließenden Schwimmen.7 Deutliche Unterschiede gibt es auch in puncto Verteilung der akuten bzw. chronischen Verletzungen. Im Kajaksport sind 25 bis 40 Prozent aller Verletzungen chronisch – im Rafting aber nur 13 Prozent.8

Paddeln (Kanu, Kajak, Kanadier)
Kajak und Kanadier werden in den meisten Studien zusammengefasst, obwohl die Technik große Unterschiede aufweist. Orientierende Verletzungsraten werden von verschiedenen Autoren mit 4,5/1.000 Kajak-Tagen4 oder 3,6 – 5,9/1.000 Kajak-Tagen8 angegeben.

Beim Kajak erfolgt bei optimaler Technik die Kraftübertragung auf das Paddel zu einem großen Teil über den Rumpf.6,8 Richtungswechsel und unerwartete Stöße müssen allerdings durch die Arme korrigiert und abgefangen werden. Deshalb treten die häufigsten Verletzungen (akut und chronisch) im Bereich der Schultern und Arme auf.

Die Ursache der meisten akuten Verletzungen sind direkte Kollisionen mit Objekten im Wasser sowie die Gewalteinwirkung des Wassers auf den Körper. Verstauchungen, Kontusionen oder Dislokationen sind die Folge. Aufgrund der langen Hebelwirkungen am Paddel kommt es aber auch vermehrt zu Schulterluxationen, einer der gefürchteten Verletzungen im Boot. Auch Verletzungen des Kopfes und Nackens werden trotz regelhafter Verwendung einer Schutzausrüstung und eines Helms berichtet.8

Kollisionsverletzungen sind eher bei Anfängern zu finden, die Rate an Überlastungsschäden ist unter Profiathleten deutlich höher. In diesem Zusammenhang ist allen voran die Tendovaginitis an Händen und Unterarmen zu nennen, direkt gefolgt von Überlastungsproblemen der Schulter.3,4

Die Zahl der Unfälle mit tödlichem Ausgang betrifft am ehesten risikoreiches Wildwasser-Expeditionspaddeln in unbekanntem sehr schwierigen Gewässer. Sie ist gering und vergleichbar mit anderen Abenteuersportarten.8

Tabelle der Verletzungshäufigkeit im Wildwasser-Leistungssport (Kanu/ Kajak)5:
(Dauer = 4 Jahre, n= 104, Trainingsumfang im Durchschnitt 14,4 Stunden/Woche)

Körperteil
Häufigkeit
Schultergelenk
26 %
LWS
33 %
Kniegelenk
27 %
Bein
32 %
Handgelenk
29 %

Rafting
Nur äußerst wenige Studien behandeln speziell die Verletzungen im Rafting-Sport. Verletzungsraten werden mit 0,26 – 0,44/1.000 Rafting-Tage angegeben. Aufgrund der kommerziellen Nutzung dieses Sportes muss aber von weitaus mehr Meldungen als beim Individualsport ausgegangen werden.7 Zusätzlich zu den oben beschriebenen Verletzungsmechanismen durch Kollision und Verletzungen außerhalb des Bootes mit im Wasser befindlichen Objekten, kommt es beim Rafting vermehrt auch zu Kollisionen innerhalb des Bootes mit anderen Insassen oder Material. Betroffen sind dann vor allem Gesicht, Knie und Schulter.7,9

Sonstige Erkrankungen
Wassersportler, die über zehn Jahre regelmäßig Wassersport ausüben, haben neben Problemen am Bewegungsapparat ein erhöhtes Risiko des sogenannten „surfer‘s ear“ (Gehörgangsexostosen)10, das von zunehmender Gehörminderung bis zum Hörverlust gehen kann. Zur Prävention wird der Einsatz individuell angefertigter Ohrenstöpsel empfohlen.

Darüber hinaus birgt der Wildwassersport eine geringe Gefahr, wassertypisch assoziierte Infektionskrankheiten zu erleiden. Die meisten werden auf Wasserbakterien wie beispielsweise Giardia ssp zurückgeführt, in seltenen Fällen wird auch von Schistosomiasis11, Leptospirosis12 und Naegleriasis13 berichtet.

Diskussion und Zusammenfassung
Wildwassersport in verschiedenen Spielarten erlebte in den letzten Jahren einen deutlichen Zulauf und wird zunehmend kommerziell organisiert. Im Leistungssport sind Wildwassersportarten in Verbänden gut organisiert sowie auch bei Olympischen Spielen vertreten und sportmedizinisch betreut. Die äußerst spärliche Datenlage im Bezug auf Verletzungen im Wildwassersport zeigt im Hobbybereich unspezifische allgemeine Unfälle bei geringer Verletzungshäufigkeit von 0,3 bis 4 Promille im Boot. Außerhalb des Bootes steigt die Verletzungshäufigkeit und -schwere deutlich an.

Häufige Überlastungsschäden im Wildwassersport sind stark abhängig von der Disziplin und Technik. Sie treten bis zu 50% vorwiegend im Schulter-, Handgelenk- und Lendenwirbelsäulen-Bereich auf. Bei Leistungs-Athleten zeigen sich belastungs- und bewegungsspezifische Verletzungen noch deutlicher. Bei intensiver Sportausübung im Wildwasser in hohen Schwierigkeitsgraden besteht eine erhöhte Luxationsgefahr der Schultergelenke als gravierende Verletzung neben Läsionen der Rotatorenmanschette. Insgesamt sehr selten sind tödliche Unfälle.

Durch entsprechendes wildwasserspezifisches Training, körperliche und materialgebundene Anpassungen sowie adäquate Risikoeinschätzung sind Überlastungen und Verletzungen deutlich positiv beeinflussbar, wenngleich es noch an detailierten Daten und Untersuchungen mangelt. Diese Erkenntnis sollte in den Vereinen und Verbänden sowie im sportmedizinischen Umfeld künftig vermehrt an Bedeutung gewinnen. Die GOTS wird sich eingehend damit beschäftigen und weiterhin positiv Einfluss nehmen.

Über die Autoren

Dr. med. Rolf Michael Krifter ist FA für Orthopädie und FA für Sportorthopädie in Graz mit Spezialgebieten Schulter-, Ellbogen- und Fußchirurgie. „Bewegung leben – denn Bewegung ist Leben“ lautet sein Leitmotiv. Als begeisterter Wildwasser-Kajakfahrer, Mountainbiker (18 Alpencross) und Skitourenfahrer sowie international Vortagender betreut er Spitzensportler und war mehrfach bei Welt- und Europameisterschaften sowie Weltcups (Wildwasser, Snowboard, Skicross, etc.) in sportmedizinischem und notärztlichem Einsatz tätig. Dr. Krifter ist amtierender Vizepräsident der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS) und kommender Kongresspräsident des GOTS-Jahreskongresses 2019 in Salzburg.

Dr. med. Cornelia Zeitler hat jüngst an der Medizinischen Universität Wien promoviert. Als Vorsitzende der GOTS Young Academy hat sie bereits mehrere Fortbildungsveranstaltungen für Studenten organisiert. Als Kernprojekt nennt sie die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die ihrer Meinung nach gar nicht früh genug beginnen könne. Sport soll vor allem abwechslungsreich sein, daher stehen für sie neben dem Triathlon-Training oft auch Berg- und Outdoorsport auf dem (Freizeit-)Programm.

Literatur:

  1. Wilson I, McDermott H, Munir F, Hogervorst E. Injuries, Ill-Health and Fatalities in White Water Rafting and White Water Paddling. Sport Med. 2013;43(1):65-75. doi:10.1007/s40279-012-0007-8.
  2. Engelhardt M, Albrecht S, Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin. Sportverletzungen Diagnose, Management Und Begleitmaßnahmen. 2. Auflage (2009), Kapitel 28, 379-383.
  3. Krupnick JE, Cox RD, Summers RL. Injuries sustained during competitive white-water paddling: a survey of athletes in the 1996 Olympic trials. Wilderness Environ Med. 1998;9(1):14-18. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11990175. Accessed March 11, 2018.
  4. Schoen RG, Stano MJ. Year 2000 Whitewater Injury Survey. Wilderness Environ Med. 2002;13(2):119-124. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12092963. Accessed March 11, 2018.
  5. Willscheid G, Engelhardt M. Verletzungen und Überlastungsschäden im leistungsorientierten Kanusport. Sport – Sport – Sport Orthop Traumatol. 2014;30(1):37-40. doi:10.1016/J.ORTHTR.2014.01.004.
  6. Fiore DC, Houston JD. Injuries in whitewater kayaking. Br J Sports Med. 2001;35(4): 235-241. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11477016. Accessed March 11, 2018.
  7. Whisman SA, Hollenhorst SJ. Injuries in commercial whitewater rafting. Clin J Sport Med. 1999;9(1):18-23. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10336047. Accessed March 11, 2018.
  8. Fiore DC. Injuries associated with whitewater rafting and kayaking. Wilderness Environ Med. 2003;14(4):255-260. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/14719861. Accessed March 11, 2018.
  9. Attarian A, Siderelis C. Injuries in Commercial Whitewater Rafting on the New and Gauley Rivers of West Virginia. Wilderness Environ Med. 2013;24(4):309-314. doi:10.1016/j.wem.2013.04.003.
  10. Cooper A, Tong R, Neil R, Owens D, Tomkinson A. External auditory canal exostoses in white water kayakers. Br J Sports Med. 2010;44(2):144-147. doi:10.1136/bjsm.2008.048157
  11. Istre GR, Fontaine RE, Tarr J, Hopkins RS. Acute schistosomiasis among Americans rafting the Omo River, Ethiopia. JAMA. 1984;251(4):508-510. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/6690820. Accessed March 11, 2018.
  12. AGAMPODI SB, KARUNARATHNA D, JAYATHILALA N, RATHNAYAKA H, AGAMPODI TC, KARUNANAYAKA L. Outbreak of leptospirosis after white-water rafting: sign of a shift from rural to recreational leptospirosis in Sri Lanka? Epidemiol Infect. 2014;142(04):843-846. doi:10.1017/S0950268813001465.
  13. Cope JR, Murphy J, Kahler A, et al. Primary Amebic Meningoencephalitis Associated With Rafting on an Artificial Whitewater River: Case Report and Environmental Investigation. Clin Infect Dis. 2018;66(4):548-553. doi:10.1093/cid/cix810.

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