Newsletter

Ski-Touren

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist ein besonderes Erlebnis in unberührter Natur. Ruhe allenthalben und Hänge, die noch niemand vor einem gefahren ist. Ski-Touren sind in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden. Doch der Sport abseits des Trubels der alpinen Skigebiete hat nicht nur seinen speziellen Reiz, sondern auch vielfältige Herausforderungen an Körper und Geist.
Eine gute Vorbereitung ist dabei ebenso unabdingbar wie das Wissen um die speziellen Gegebenheiten und Notwendigkeiten. Essenziell ist ebenso, im Notfall bestens gerüstet zu sein. Welche Risiken gibt es und wie sollte eine wirkungsvolle Prophylaxe aussehen? Unser im alpinen Gelände versiertes Autoren-Team aus Österreich, Dr. Stefanie Syré und Dr. Karl-Heinz Kristen, klärt diese Fragen im aktuellen Newsletter der GOTS.
An dieser Stelle möchte ich Ihnen im Namen des Präsidiums der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin ein frohes Weihnachtsfest sowie einen guten Rutsch in ein gesundes und friedvolles Neues Jahr wünschen.
Überdies möchte ich mich nach vier spannenden Jahren in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der GOTS von Ihnen verabschieden. Der letzte Newsletter dieses Jahres ist auch für mich der letzte. Es war mir eine große Freude, für diese dynamische und ehrgeizige Gesellschaft und ihre Protagonisten arbeiten zu dürfen.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Andreas Bellinger, GOTS-Pressesprecher


Der 34. Jahreskongress der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS) findet vom 27. bis 29. Juni 2019 in Österreich statt. Zum Thema „Sport-Medizin: von 0 – 100“ laden Kongresspräsident Dr. Rolf Michael Krifter und Kongresssekretär Dr. Christian Lang nach Salzburg ein. Kindliche und jugendliche Sportverletzungen sowie Überlastungsschäden und Sport mit angeborenen Störungen sollen erstmals im Vordergrund stehen. Es geht aber auch um die neuen olympischen Sportarten, zu denen hochkarätige Spitzensportler und Gäste eingeladen werden. Geplant sind außerdem Themen zu älteren sportlich aktiven Patienten mit spezifischen altersbedingten Verletzungsmustern und Überlastungsschäden. Ein weiterer wissenschaftlicher Schwerpunkt ist der zunehmenden Herausforderung „Sport mit Arthrose und Prothese“ gewidmet. Ihre Abstract-Anmeldung ist noch bis zum 1. Dezember 2018 möglich. Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem Flyer im Anhang dieses GOTS-Newsletters und der Kongress-Homepage.


Wir möchten Sie zudem auf folgende Veranstaltungen hinweisen:
10. bis 12. Januar 2019 in Oberwiesenthal: 36. Berliner Arthroskopie-, Gelenk- und Sport-Symposium, weiter
19. Januar 2019 in Köln: 5. Kölner Sportorthopädie Symposium, weiter
25. bis 26. Januar 2019 in Würzburg: Jahrestreffen Handballärzte e.V., weiter
25. bis 27. Januar 2019 in Oberhof: 22. Sporttraumatologisches Symposium „Arno Arnold“, weiter
31. Januar 2019 in Basel: 21. GOTS-Schweiz Winterkongress, weiter
01. bis 02. Februar 2019 in Düsseldorf: 29. Jahres-Kongress des BVASK e. V., weiter
21. bis 24. Februar 2019 in Ruhpolding: 13. Weiter- und Fortbildungskurs Sportmedizin Wintersport Ruhpolding, weiter
08. bis 09. März 2019 in Luxemburg: Football Congress: Medical and training aspects in Football, weiter
07. bis 09. März 2019 in Berlin: Kursreihe Spezielle Orthopädische Chirurgie: DGOOC Kurs Knie, weiter
28. bis 31. März 2019 in Hopfgarten im Brixental: 22. GOTS Jahrestreffen der GOTS Österreich, weiter
Außerdem erhalten Sie im Anhang dieses GOTS-Newsletters eine gemeinsame Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie e.V. (DGOU) und des Deutschsprachigen Arthroskopieregisters gemeinnützige GmbH (DART) zum Thema: „Arthroskopieregister und Knorpelregister vereinfachen Datenerfassung durch gemeinsame Plattform.“

Ski-Touren: Reiz und Risiko aus sportmedizinischer Sicht

Wenn im Winter der Geruch von Neuschnee in der Luft liegt, lockt es immer mehr Sportler, die weißen Höhen zu erklimmen und bei der anschließenden Abfahrt Ihre Spuren in den unberührten Hängen zu ziehen. Kaum ein anderer Sport bietet ein vergleichbar breites Spektrum an positiven Auswirkungen auf Körper und Psyche. Immer mehr Skibegeisterte suchen die Ruhe abseits der überfüllten Pisten – und das Naturerlebnis, eine neue Spur im ungesicherten Gelände zu ziehen.

Die Geschichte des Skibergsteigens ist auch die Geschichte des Skisports an sich. Schon früher wurden Skier sowohl bergauf als auch bergab als Fortbewegungsmittel bei der Jagd und in der Kriegsführung genutzt. Das älteste Relikt wurde in Schweden auf ein Alter von ca. 4.500 Jahre geschätzt. Die Bergbauern und Jäger nutzten die einfachen Ski vorwiegend im Frühjahr, um vor Beginn des Sommers (Almauftrieb, Wildbeobachtung etc.) in den hohen Lagen nach dem Rechten zu sehen. Erst seit jüngerer Zeit werden Skitouren auch im Früh- und Hochwinter gegangen.

Idylle der ersten Neuschneeespur in Hohentauern. Foto: Kjell Sümegi
Bevor in den 1930er Jahren moderne Anlagen zur Beförderung geschaffen wurden, galt es für jeden Wintersportler, vor der genussvollen Abfahrt zunächst den beschwerlichen Aufstieg zu bewältigen. Meist geschah dies mit Seehundfell oder Riemen unter der Lauffläche. Das Skibergsteigen ist so gesehen eine Verbindung der beiden genannten Beweggründe (reiner Aufstieg für die Abfahrt und Bergtouren unter winterlichen Bedingungen) und hat sich in den letzten 150 Jahren zudem zu einer eigenen Sportart mit ausgeklügelter Technik und lukrativem Markt entwickelt.

In vielen Skigebieten werden ausgewiesene Abfahrten und geführte Touren angeboten sowie regelmäßig Wettbewerbe veranstaltet, bei denen sich Ambitionierte messen können. Viele Touren und Ski-Überquerungen können auch mit dem Snowboard absolviert werden – mit Schneeschuhen/Kurzskiern oder einem Splitboard, das man zum Aufstieg in der Mitte teilen und wie Skier mit Fellen benutzen kann. In den meisten Fällen ist die Snowboard-Ausrüstung etwas schwerer und das Tragen daher mit einer höheren Belastung verbunden. Das Skitouren-Gehen auf Pisten und die sogenannten Feierabend-Skitouren auf beleuchteten Pisten gehören inzwischen ebenfalls zum üblichen Repertoire.

Die stetige Entwicklung des Materials ermöglicht auch technisch schwächeren Skifahrern hohe Geschwindigkeiten; leichtere und breitere Tourenski verzeihen mehr Fahrfehler, können aber auch zur Überschätzung der eigenen Fähigkeiten verleiten.

Unfallursachen & Verletzungen
Im alpinen Bergsport besteht ein nicht unbeträchtliches Unfall- und Verletzungsrisiko. Dessen sollte man sich immer bewusst sein. Abstürze, Steinschlag, Spaltenstürze, Kälteschäden und vor allem Lawinenunfälle gehören zu den besonderen Risiken. Auch sollte beachtet werden, dass im Gebirge teilweise nur eingeschränkte Rettungs- und Behandlungsmöglichkeiten bestehen. Schon kleinere Verletzungen können schwerwiegende Folgen haben, falls ein weiteres Vorankommen erschwert beziehungsweise unmöglich ist. Erschwerend können bei einer Bergrettung zudem Wetterfronten oder Mobilfunklöcher sein. Dabei stellt vor allem die drohende Unterkühlung die größte Gefahr dar.

In einer Analyse der tödlichen Bergunfälle in der Schweiz zwischen 2010 und 2012 kamen Bianchi und Brügger (2013) zu dem Ergebnis, dass Skitourenunfälle einen Anteil von 8% bei den Todesursachen im Bergsport ausmachen. Ursache für Skitourenunfälle mit Todesfolge sind in erster Linie Lawinenabgang, Spaltensturz und Wechtenbruch – gefolgt von Kreislaufversagen und Stürzen. Als Grund hierfür nennen Betroffene insbesondere schwierige Schneebedingungen, einen rutschigen Untergrund und das Versagen der Bindung.

Auf Lawinenunfälle soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden, erwähnt sei jedoch, dass sich ein beträchtlicher Anteil (35% bis 40%) der tödlichen Lawinenunfälle beim Tourenskisport ereignen.

Das Risiko für Verletzungen ist erwartungsgemäß bei der Abfahrt deutlich höher als beim Aufstieg, bei welchem vor allem Ausdauer, Flüssigkeitshaushalt, UV-Exposition, aber auch Blasenbildung sowie Schnitt- und Schürfwunden an Händen und Füßen eine Rolle spielen. Die Blessuren ähneln naturgemäß den klassischen Verletzungen beim Skifahren. Betroffene Regionen sind in erster Linie die untere Extremität (65% bis 80%). Dabei handelt es sich in 21% bis 37% der Fälle um Frakturen. Hinzu kommen Verletzungen von Schulter, Hand, Rumpf und Arm. Im Vordergrund stehen oberflächliche Schürfwunden sowie Muskelzerrungen.


Je schräger der Hang beim Queren, desto höher und asymmetrischer die Belastung: Tauplitz 2016. Foto: Stefanie Syré

Das am intensivsten belastete Gelenk hinsichtlich akuter Verletzungen ist das Kniegelenk. In erster Linie handelt es sich um Zerrungen oder Rupturen des inneren Seitenbandes, des vorderen Kreuzbandes sowie Meniskusläsionen. Seltener treten Verletzungen des Außenbandes, des hinteren Kreuzbandes oder Kombinationsverletzungen auf. Eine weitere schwerwiegende Verletzung, die beim Skisportler beobachtet wird, ist die Fraktur des Schienbeinkopfes. Dies macht häufig eine operative Behandlung notwendig, kann aber trotz optimaler Versorgung zu frühzeitiger Arthrose führen.

In einer 2014 von Ruedl et al. durchgeführten Studie in vier österreichischen Skigebieten wurden die Verletzungshäufigkeit, Unfallursachen und potenziellen Risikofaktoren beim Pisten-Tourengehen untersucht. 12,6% der 451 Befragten berichteten über behandlungswürdige Verletzungen, mehrheitlich verursacht durch einen Einzelsturz. Die Quote der Sportler, die einen Skihelm trugen, lag bei 60%. Etwa die Hälfte der Befragten gab an, den Sport bevorzugt mit einem Partner auszuüben. Im Rahmen der Unfallursachenanalyse kam die Studie zu dem Ergebnis, dass auf Musikhören während der Abfahrt und Alkoholkonsum verzichtet werden sollte, um das Verletzungsrisiko möglichst gering zu halten.

Für das Skitourengehen auf Pisten hat der Deutsche Alpenverein (DAV) folgende Regeln ausgearbeitet, die Sie unter folgendem Link abrufen können: Alpenverein Ski-Touren auf Pisten

Vorbereitung & Ausrüstung
Für eine sorgfältige Planung der Tour gilt es, eine Vielzahl von Faktoren zu beachten: Vor allem sollte die ausgewählte Tour im Anforderungsprofil dem Trainingszustand und Fahrvermögen der Teilnehmer entsprechen. Bei leichten Touren handelt es sich meist um eher flache, offen auslaufende Hänge unter 35 Grad Neigung mit einer Aufstiegsdauer von bis zu drei Stunden. Schwere Touren können sehr lange Aufstiege über mehr als 1.000 Höhenmeter bedeuten. Überdies sind steile Hänge jenseits der 35 Grad möglich, die auch Kletterpassagen bieten können.


Schönwetter lockt oft eine grosse Anzahl von Tourengehern in die Berge, nicht selten wird die UV-Belastung unterschätzt. Tauplitz 2016. Foto: Stefanie Syré

An- und Abreisezeiten müssen eingeplant, kürzere Tageslichtzeiten im Winter bedacht werden. Kenntnis der Topografie und Informationen zu Hangbeschaffenheit wie beispielsweise Vereisung, Schneeauflage, Auswaschungen etc. sollten vorhanden sein. Des Weiteren müssen die Sportler die Wettervorhersage (Nässe, Wind, Nebel, Temperatur) kennen und sich mit den Witterungsverhältnissen sowie dem Lawinenlagebericht auseinandersetzen. Wie bei Bergtouren empfiehlt es sich überdies, Bekannte und Hüttenwirte über die vorgesehene Tour zu befragen und über die geplante Rückkehr zu informieren.

Diese allgemeinen Empfehlungen und Einstufungen sind natürlich den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen. So können zum Beispiel Neuschnee, Verharschungen, Sturm etc. die Schwierigkeit und Gefahrenlage der Tour mehr oder minder stark verändern. Um erste Erfahrungen zu sammeln, empfiehlt es sich, die Kurse der jeweiligen Alpenvereine zu nutzen. Für die sportliche Herausforderung kann als erstes auch auf das Pisten-Tourengehen zurückgegriffen werden.

Hinsichtlich der Ausrüstung sollten beim Tourengehen keine Kompromisse gemacht werden. Die richtige Ausstattung kann Leben retten. Eine kompetente Beratung und Erprobung vor dem Kauf ist absolut sinnvoll. Die verschiedenen (Alpen-)Vereine bieten dem Einsteiger vielfach die Möglichkeit, das entsprechende Material zu leihen.

Ein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) sowie Schaufel und Sonde sind im offenen Skiraum absolute Pflicht. Zudem empfiehlt es sich, einen Ski zu verwenden, der in Taillierung und Gewicht auf die Ausdauer und Abfahrtsperformance angepasst ist. Bei der Tourenbindung kann neben Funktion und Sicherheit auch der Tragekomfort eine Rolle spielen. Skitourenstöcke werden in der Regel etwas länger als normale Skistöcke verwendet. Sie sollten leicht, verstellbar und mit großem Teller und griffiger Spitze versehen sein. Wie im alpinen Skilauf setzt sich das Tragen eines Helms auch bei Tourenskisportlern zunehmend durch. Kopfverletzungen hilft dies zu vermeiden, der Helm schützt aber auch vor Wind und Wetter.

Bei jeder Skitour ist das Beherrschen der (Notfall-)Ausrüstung Pflicht. Mitzunehmen sind vor allem:

  • Skitourenschuhe, Tourenski / Splitboard
  • Ski- / Teleskop-Stöcke
  • Steigfelle, evtl. Harscheisen, Kleber
  • übliche Skitourenkleidung inkl. Handschuhe, Haube
  • Helm für die Abfahrt, Sonnenbrille
  • LVS-Gerät, Sonde, Schaufel!
  • Rucksack (evtl. inkl. Airbag, Regenhülle, Rückenplatte), evtl. Biwaksack, Trinkflasche, Müsliriegel / Gipfeljause
  • Orientierungsmittel: Höhenmesser / Kompass / evtl. GPS-Gerät / Karte, Führer, Handy
  • Sonnenschutz, Stirnlampe, Erste-Hilfe-Set, Taschenmesser, evtl. Schraubenzieher
  • evtl. Pickel, Anseilgurt und Seil / weiteres Sicherungsmaterial
  • 140 Alpin-Notruf!

Als zusätzliches Sicherheitsutensil hat sich der Lawinenrucksack/Lawinenairbag durchgesetzt. Der große Hohlraum ermöglicht dem Skifahrer, beim Lawinenabgang auf der Schneemasse „aufzuschwimmen“. Das kann vor Verschüttung schützen bzw. dazu führen, näher an der Oberfläche zu bleiben. Der erzeugte Hohlraum kann auch als Atemhöhle wertvolle Minuten des Überlebens bedeuten. Teilweise bieten die Modelle außerdem mehr Schutz für Kopf, Hals und Rumpf.

Über den Autor:

Dr. med. Stefanie Syré ist Assistenzärztin für Orthopädie und Traumatologie in der Klinik Diakonissen Schladming. Neben ihrer klinischen Tätigkeit ist sie seit 2006 im Team der GOTS Österreich aktiv. Sie hat langjährige Erfahrung in der sportmedizinischen Athletenbetreuung bei Welt- und Europameisterschaften (Windsurfen, Kitesurfen, Klettern, Karate, European Maccabi Games). Sie war von 2009 bis 2013 Lektorin für Sportmedizin an der FH Technikum Wien, hat die Ausbildung zur Klettertherapeutin absolviert und genießt in der Freizeit gemeinsam mit ihrer Familie Sport am Berg und in den Wellen.

Dr. med. Karl-Heinz Kristen ist Facharzt für Orthopädie und Sportorthopädie in Wien und Leiter der Praxis Sportklinik sowie des Fußzentrums Wien. Er ist seit 1986 aktives Mitglied der GOTS und war sechs Jahre lang Vizepräsident. Kristen wurde aufgrund seiner Verdienste in der Betreuung der damals noch als Randsportarten angeführten Disziplinen Snowboard, Windsurfen und Kitesurfen 2012 zum Sportarzt des Jahres ernannt. Dr. Kristen betreut die Athleten der Disziplinen Segeln, Surfen, Kitesurfen, Kykushin Karate, Snowboard, Leichathletik. Er selbst ist begeisterter Segler, Surfer, Kitesurfer, Foilkite sowie Ski und Snowboard in allen Varianten.

Fachzeitschrift

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