Bobfahren aus sportmedizinischer Sicht

Sehr geehrte Damen und Herren,

rasantes Tempo, Entscheidungen im Tausendstelbereich: Der Bobsport ist eine der spannendsten Wintersportarten. Ein Jahr vor Olympia schauen wir uns die Hightech-Disziplin aus sportmedizinischer Sicht an. Der Pressetext ist wie immer zur Veröffentlichung und weiteren Verwendung freigegeben.
Frank Wechsel und Dr. Wolfgang Schillings, GOTS-Pressesprecher

Bobfahren aus sportmedizinischer Sicht

Vom 21.1. bis 3.2.2013 findet die Weltmeisterschaft im Bob und Skeleton im schweizerischen St. Moritz statt. Insgesamt werden sechs Titel vergeben, wobei der 4er-Bob der Männer das Highlight sein wird. Die bisherige Saison begann in Nordamerika mit drei Weltcups und führte dann nach Europa, wo weitere fünf Weltcups stattfanden. Im vorolympischen Jahr wird der gesamte Tross nach der Weltmeisterschaft noch nach Sochi/Russland zu einer Testwoche und einem Weltcup reisen - bei diesen Trainingsfahrten werden grundlegende Erfahrungen und Daten für die Olympischen Winterspiele 2014 gesammelt.

Grundlage für eine gute Fahrt im Eiskanal ist bereits der Start. Die Mannschaft schiebt den Bob möglichst schnell bis zu 15 Meter auf zwei Prozent Gefälle an und nacheinander springen Pilot und Anschieber in den Bob. Anschließend wird nach 50 Metern die Startzeit gemessen und der Pilot steuert den Bob möglichst auf der Ideallinie ins Ziel. Mit hohen Geschwindigkeitsverlusten gehen Bandenberührungen und ein Abheben des Bobs vom Eis einher. Der Schlussmann (= Bremser) ist nach Überqueren der Ziellinie mit zwei Handbremshebeln für das Bremsen des Bobs zuständig.

Die besonders hohen athletischen Anforderungen haben dazu geführt, dass die Positionen der Anschieber und Bremser immer häufiger von Leichtathleten besetzt werden. Die idealen Voraussetzungen werden durch gezieltes Maximalkrafttraining mit Schnellkrafttraining kombiniert, um bestmögliche Abrisszeiten beim Start zu erreichen. Koordinationstraining und Verbesserung der Anschubtechnik runden dann das Ganzjahrestrainingsprogramm ab.

Wenig verletzungsträchtige Sportart
Die Sportart an sich ist wenig verletzungsträchtig. Häufig treten allerdings bereits am Start Weichteilverletzungen beim Einsteigen durch ein Abrutschen am Bob oder durch Spikes der Mannschaftsmitglieder auf. Während der Fahrt „verschwinden“ die Anschieber nahezu vollständig im Bob und verbringen die etwa 60 Sekunden bis zum Ziel in stark nach vorn gebeugter Körperhaltung. In dieser Position ist die gesamte Wirbelsäule starken Belastungen ausgesetzt, so dass häufig akute Schmerzattacken ausgelöst werden können.

Die hohen Gewichte der Sportgeräte (2er-Bob leer: 170 kg, 4er-Bob leer: 210 kg), die verwendeten harten Materialien und die teils rauen Umgebungsbedingungen führen bei Transport, Vorbereitung oder auch im direkten Wettkampfumfeld zu stumpfen Traumata. Quetschungen an Hand oder Fingern, Nagelhämatome aber auch Prellungen und Hämatome an den Extremitäten sind keine Seltenheit.

Die zum Anschieben des Schlittens auf dem Eis erforderlichen Spikes führen bei Kontakt mit den Teamkollegen während der Startphase beim 4er-Bob zu Risswunden an Beinen und Händen, die teils recht heftig bluten können.

Gefahr durch Sturz
Im Falle eines Sturzes versucht jeder weiterhin im Bob zu verschwinden, um nicht mit dem Kopf nach außen auf das Eis zu schlagen. Durch die enorm hohen Kräfte sind dann discoligamentäre Verletzungen meist der Halswirbelsäule, Kompressionsfrakturen der Lendenwirbelsäule und Gehirnerschütterungen abzuklären. Ebenfalls wichtig ist es, nicht mit den Schultern oder anderen Körperteilen direkten Kontakt mit dem Eis über eine längere Zeit zu haben. Bis zu drittgradige Verbrennungen an exponierten Stellen mit entsprechender Narbenbildung oder gar Operationsbedürftigkeit können dabei entstehen. Schutzwesten können helfen, das Risiko solcher Verletzungen im Training zu minimieren. Gelegentlich rutscht der letzte Athlet aus dem Bob heraus, wobei dieser dann möglichst schnell die Bobbahn verlassen muss, um nicht von seinem - um tiefsten Punkt zurückrutschenden - ob erfasst und erneut verletzt zu werden. Tödliche Verletzungen sind durch eine konstante Optimierung der Bahnen, der Bobs und ein gezieltes Fahrtraining heute extrem selten.
Die meisten Verletzungen treten jedoch im allgemeinen Training auf. Hier ist das Fußballspielen als Koordinationstrainingsmaßnahme herauszustellen.

Überlastungsschäden
Weitere Verletzungs- und Überlastungsmuster entsprechen denen der Leichtathletik. Überlastungen der Sehnenansätze und der belasteten Knorpelanteile in den Kniegelenken sind möglich und müssen konsequent diagnostiziert und anschließend austherapiert werden. Aufgrund der hohen Belastung der Hals- und Lendenwirbelsäule ist hier besondere Beachtung auftretenden Beschwerden zu schenken. Eine gezielte Abklärung der Sportfähigkeit ist zur Vorbeugung von dauerhaften Schäden angezeigt.

Prävention
Bei den auftretenden Beschwerden und Überlastungsschäden ist vor allem eine ausreichende Rumpfstabilität wichtig. Die gezielte Trainingssteuerung beginnt seit einigen Jahren bereits bei den Jahresgrunduntersuchungen, wo bereits Kraft- und sensomotorische Messungen stattfinden. Der muskuläre Zustand des gesamten Körpers ist das entscheidende Kapital der häufig schon etwas älteren Sportler, so dass das gezielte Grundtrainingsprogramm konsequent um ein ausgleichendes Sportprogramm ergänzt wird.

Bobsport: Tipps für den betreuenden Arzt

Der Autor: Dr. Christian Schneider, Leitender Arzt SCHÖN KLINIK Rückeninstitut und Sportmedizin, leitender Verbandsarzt Bob- und Schlittenverband Deutschland e.V., GOTS-Mitglied seit 2000, Vorsitzender Verbandsärzte Deutschland e.V. und Vorstandsmitglied GOTS seit 2012

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