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Hochleistungsmedizin

Ohne interdisziplinäre Zusammenarbeit gibt es im Sport keine Spitzenleistungen mehr – Rodel-Olympiasieger Georg Hackl schwört auf sein medizinisches Team um Dr. Volker Jägemann

Was ist ein Olympiasieger heutzutage ohne sein medizinisches Team wert? „Nicht viel“, sagt einer, der das beurteilen kann: Georg Hackl aus Berchtesgaden. Dreimal hat der Hackl Schorsch, bekannt auch als „Turbo-Schorsch“, olympisches Gold im Rodeln gewonnen. „Ohne intensive medizinische Betreuung ist Spitzensport nicht mehr möglich. Im Vergleich zu früher steht der Athlet über einen längeren Zeitraum unter ständigem Leistungsdruck und somit unter ständigem Verletzungsrisiko.“ In den vergangenen zehn Jahren ist aus der medizinischen Betreuung ein interdiziplinäres Teamwork geworden, zu dem auf jeden Fall der Arzt (meist ein Orthopäde), der Physiotherapeut, der Masseur und bei Bedarf auch der Biomechaniker, der Orthopädiemeister und manchmal auch der Psychologe zählt. Die Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS), die in Deutschland fast alle Sportverbandsärzte stellt, fördert die Zusammenarbeit der Spezialisten und bietet allen die Mitgliedschaft in ihrer Organisation an.

„Im Bob- und Schlittensportverband für Deutschland kümmert sich eine hochprofessionelle Truppe um die Spitzenrodler“, sagt Dr. Volker Jägemann aus Freising. Er betreute früher als verantwortlicher Arzt die deutschen Ringer, seit einiger Zeit kümmert er sich in leitender Position um die Rodler. „Die Zusammenarbeit ist sehr eng“, berichtet Georg Hackl, der schon 1988 an Olympischen Winterspielen teilgenommen hat.. „Bereits bei kleinsten Anzeichen einer Verletzung kontaktiert man seinen Arzt, um Schlimmeres zu verhindern, manchmal sogar spät abends, wenn man vom Training nach Hause kommt.“

Wenn Georg Hackl wegen einer Verletzung von Dr. Volker Jägemann untersucht worden ist, geht ein Bericht an den Bundeswehrarzt (Georg Hackl ist Sportsoldat), den Bundestrainer und den Athleten, der wiederum seinen Stützpunkttrainer und seinen Physiotherapeuten informiert. Dieses Team berät dann gemeinsam, wie weit sich der Athlet noch belasten kann, was er darf oder was er im Training besser nicht tun sollte. „Georg Hackl ist ein idealer Patient, weil er seinen Körper extrem gut kennt, in sich hinein hört und sich dann perfekt verhält“, weiß Dr. Volker Jägemann aus langjähriger Zusammenarbeit zu berichten. „Im Notfall können wir die besten Spezialisten oder Operateure für die Athleten aktivieren, denn wir kennen uns aus der GOTS untereinander. Es darf nie passieren, daß ein Sportler überflüssigerweise operiert wird.“

Zu Beginn seiner Karriere wußte Rekord-Olympionike Georg Hackl (fünf olympische Winterspiele) sehr wenig über das Training und seine Auswirkungen auf den Körper. Wenn es halt nicht mehr ging, mußte man eben zum Doktor. Früher galt zudem: je mehr Training, desto besser. Heute weiß Georg Hackl, daß Regenerationsphasen ebenso wichtig wie die Übungen sind. Er beschäftigte sich in den vergangenen Jahren viel mit seinem Körper und dessen Abläufen, vor allem aus medizinischer Sicht. „Entscheidend ist jedoch, daß dir ein Mannschaftsarzt die richtigen Einblicke gibt und dir erklärt, warum er was macht“, ist Georg Hackl inzwischen überzeugt.

Die Verletzungsliste des 35 Jahre alten Rodlers Georg Hackl ist lang. Dreimal mußte er wegen Außenbandrupturen am oberen Sprunggelenk operiert werden. Zweimal zog er sich die Verletzung beim Hallenfußball zu, einmal beim Volleyball. Da in diesen Disziplinen die beim Rodeln geforderte Koordination gut entwickelt wird, trainieren die Rodler auch die Ballsportarten. „Da passiert das meiste“, weiß Dr. Volker Jägemann. „Im Vergleich dazu sind die Stürze im Eiskanal zu vernachlässigen.“ 1991 erhielt Georg Hackl nach einer Kreuzbandruptur im linken Kniegelenk eine vordere Kreuzbandplastik eingesetzt. Sechs Jahre später schien nach einem Bandscheibenvorfall (L5 rechts) das Karriere-Ende gekommen zu sein. „Im Herbst ist er damals zu mir gekommen“, erinnert sich Dr. Volker Jägemann, „Professor Wolfgang Lanksch in Berlin hat ihn operiert, die Rehabilitationsmaßnahmen erfolgten bei Dr. Hubert Hörterer in Bad Wiessee. Noch in der selben Saison hat Georg Hackl die Weltmeisterschaft gewonnen.“

„Der Glaube an den Hokuspokus ist groß“, sagt Dr. Volker Jägemann“, „vor allem, was die Ernährung eines Spitzensportlers betrifft.“ Gewarnt durch den Doping-Fall des Ringers Alexander Leipold bietet der Bob- und Schlittensportverband für Deutschland seinen Athleten und Athletinnen eine über das medizinische Team zentral gesteuerte Substitution an. Kostenlos wird den Sportlern zur Verfügung gestellt, was sie bei ihrer hohen körperlichen Beanspruchung brauchen. Alle Präparate – Mineralien, Vitamine, Enzyme, Spurenelemente – kommen aus der Apotheke. Auf diese Weise will man gewährleisten, daß in einem Produkt nur das drin ist, was auf der Verpackung steht. Im Fall Georg Hackl wurde, um ihn optimal zu versorgen, sogar ein Ernährungsberater hinzugezogen.

Nach einer Ermüdungfraktur ist Georg Hackl zur Zeit wieder gesund. Es zwickt ihn hier und da mal, aber es handelt sich um nichts Dramatisches. So hat er sein Ziel für die kommende Rodel-Saison schon ins Auge gefaßt: „So schnell wie möglich vom Start ins Ziel kommen.“

27. Juni 2002

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