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Kampfsportarten nicht risikoreicher als Ballsportarten

Beim Ringen ist hauptsächlich die Schulter und beim Boxen der Schädel gefährdet

Kampfsportarten nicht risikoreicher als Ballsportarten
Körperliche Fitness Voraussetzung für geringere Zahl von Verletzungen

Betrachtet man die Verletzungshäufigkeit in Kampf- und Kontaktsportarten, so finden sich in der wissenschaftlichen Literatur Hinweise, dass die Verletzungsrate im Vergleich zu Ausdauersportarten wie Schwimmen und Laufen deutlich erhöht ist und im Vergleich zu Spielsportarten keine wesentlichen Unterschiede festzustellen sind. Bei Ringern konnte eine Verletzungsrate von 0,71 pro 1000 Stunden Sportausübung festgestellt werden, beim Boxen eine Rate von 0,22 und beim Judo von 0,21 pro 1000 Stunden Sportausübung.

Gemeinsam ist diesen Sportarten neben dem direkten Gegnerkontakt eine Wettkampfteilnahme in unterschiedlichen Gewichtsklassen. In wissenschaftlichen Studien konnte festgestellt werden, dass gerade durch kurzfristige erhebliche Reduktion des Körpergewichtes das Verletzungsrisiko steigt. Neben der Reduktion der körperlichen Leistungsfähigkeit scheint insbesondere das koordinative Verhalten eingeschränkt zu sein. Abhängig von der unterschiedlichen sportartspezifischen Beanspruchung finden wir in den verschiedenen Kampfsportarten auch ein unterschiedliches Verletzungsmuster.

Beim Ringen, das im Wettkampf im griechisch-römischen Stil und im Freistil ausgeübt werden kann, stehen Verletzungen der Schulter und des Kniegelenkes im Vordergrund. Insbesondere durch Hebeltechniken werden Band- und Kapselverletzungen hervorgerufen, die teilweise zu erheblichen Instabilitäten führen können und dann operativ versorgt werden müssen. Prinzipiell können alle Körperregionen von Verletzungen betroffen werden. Auch am Schädel können Verletzungen auftreten, die durch Verwendung eines Helmes reduziert werden konnten. Auch das „Ringerohr“ (Blumenkohlohr) ist eine durch Haltebelastungen hervorgerufene typische sportartspezifische Verletzung, die zwar mit Deformierung der Ohrmuschel, im Übrigen aber folgenlos ausheilt.

Die Halswirbelsäule ist die beim Ringen im Vergleich zu anderen Kampfsportarten besonders stark beanspruchte Wirbelsäulenregion, da es durch Haltegriffe mit Rotation und Beugung bzw. Überstreckung zu Bandverletzungen im Bereich der Halswirbelsäule kommen kann, die auch dauerhaft zu erheblichen Verschleißerscheinungen führen können. Bei Sturzbelastungen auf Kopf und Nacken kann es in seltenen Fällen auch zu schwersten Verletzungen mit Querschnittlähmungen kommen.

Prophylaktisch können verschiedene Maßnahmen zur Reduktion des Verletzungsrisikos beim Ringen ergriffen werden. Von besonderer Bedeutung ist die körperliche Fitness des Athleten, und hier vor allem der Trainingszustand der Rumpfmuskulatur. Falltechniken können trainiert werden, die Anlage von Tapeverbänden erweist sich prophylaktisch als sinnvoll. Die Schulung der Kampfrichter ist wichtig, da bei korrekter Einhaltung der Regeln unerlaubte Hebelgriffe nicht angesetzt werden dürfen und bei frühzeitigem Eingreifen das Verletzungsrisiko deutlich reduziert werden kann.

Beim Boxen werden besonders Schädel und Hände von Verletzungen betroffen. Mehr als zwei Drittel der Verletzungen, die beim Boxer zur stationären Aufnahme führen, betreffen den Schädel. Schädel-Hirnverletzungen mit Bewusstseinsstörungen ist eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen, daneben treten Augen-, Kiefer- und Zahnverletzungen auf. Auch Todesfälle werden beschrieben. Der Ringarzt muss frühzeitig die Schwere der Verletzung beurteilen und entsprechende Maßnahmen einleiten. Das im Amateurboxen vorgeschriebene Tragen eines Helmes konnte zu einer Verletzungsreduktion führen. Durch direkte Schlagbelastungen kann es zu knöchernen und weichteiligen Verletzungen der Handgelenke, der Mittelhandknochen und der Fingergrundgelenke (Boxerknöchel) kommen, die in vielen Fällen konservativ, in einigen operativ versorgt werden müssen und dauerhaft zu einem erhöhten Arthroserisiko führen können.

Auch beim Boxen kann körperliche Fitness zu einer Verletzungsreduktion führen. Der Ringrichter wie auch der Ringarzt müssen optimal ausgebildet sein, um insbesondere Auffälligkeiten nach Kopftreffern frühzeitig zu erkennen und geeignete Maßnahmen ergreifen zu können. Auch beim Boxen können stabilisierende Verbände zumindest bei Trainingskämpfen prophylaktisch angewendet werden.

Beim Judo treten Fingerverletzungen durch Haltegriffe gehäuft auf. Falltraining kann zu einer Reduktion der durch Sturz verursachten Verletzungen der oberen Extremität führen. Rotationsbelastungen der Kniegelenke bei feststehendem Unterschenkel gefährden den Kapsel-Bandapparat der Kniegelenke, auch Umknickverletzungen der Sprunggelenke treten gehäuft auf.

Sicherlich sind bei Kampfsportarten mit Gegnerkontakt Verletzungen nicht vollständig zu vermeiden. Die aufgeführten prophylaktischen Maßnahmen können das Verletzungsrisiko in den einzelnen Sportarten reduzieren und sollten sportartspezifisch eingesetzt werden. Für alle Sportarten gilt, dass ein verletzter Sportler erst dann wieder uneingeschränkt seine Sportart ausüben kann, wenn die Verletzung ausgeheilt ist und der Körper auf die Belastung vorbereitet wurde.

Dr. med. habil. Holger Schmitt, Heidelberg

Der Autor ist Oberarzt, Leiter Bereich Sportorthopädie, Stiftung Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg; nach dem Studium der Humanmedizin von 1983 bis 1990 in Homburg/Saar und Freiburg arbeitete er als Arzt im Praktikum in der Chirurgischen Abteilung des St. Vincentius-Krankenhauses Karlsruhe und als Assistenzarzt in der Chirurgischen Abteilung des St. Josefskrankenhauses Freiburg; seit Dezember 1993 ist Dr. Holger Schmitt an der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg beschäftigt, seit 1998 Facharzt für Orthopädie und seit 1997 Orthopädischer Betreuer des Olympia-Stützpunktes Rhein-Neckar.

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