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Snowboard-Weltmeisterschaft 2003

GOTS-Jahrespressekonferenz 2003 in Hamburg:
17 Verletzte sind zu viel. Snowboard-Weltmeisterschaft 2003 aus sportmedizinischer Sicht

Mit einem Team von 15 Ärzten betreute die GOTS Österreich unter der Leitung von Dr. Klaus Dann, Dr. Karl-Heinz Kristen und Professor Stefan Nehrer die Snowboard-Weltmeisterschaft 2003. Die Anzahl der Verletzungen war mit 17 mittelschweren bis schweren Verletzungen erschreckend hoch und deutlich höher, als es dem in der Wettkampfbetreuung erfahrenen Ärzteteam bisher bekannt war. Eine Reduktion des Verletzungsrisikos scheint dringend notwendig im Sinne der Gesundheit der überwiegend jungen und teilweise noch minderjährigen Sportler und im Sinne der Vorbildwirkung solcher Wettkämpfe. Die Snowboard-Weltmeisterschaft wurde in diesen Wettbewerben ausgetragen: Parallel Giant Slalom, Parallel Slalom, Half Pipe, Big Air Jump und Border Cross.

Die Half Pipe (halbe Röhre) ist eine extrem anspruchsvolle Disziplin. Die Dimension der aufgebauten Half Pipe war mit einer Wandhöhe von fünf Metern auch im internationalen Vergleich gigantisch. Eine derartige Half Pipe erlaubt Sprünge bis zu zehn Metern Höhe. Der geringste Fehler kann zu extrem harten Landungen und Stürzen führen. Die Mehrzahl der Fahrerinnen und viele ungeübtere männliche Fahrer waren mit den Ausmaßen der Half Pipe überfordert. Selbst nach schweren Stürzen auf Kopf, Genick und Rücken starteten die meisten Fahrer, wenn auch benommen, im nächsten Durchgang. Von Seiten des Reglements existiert keine Vorschrift, wie ein verletzter Fahrer zur eigenen Sicherheit aus dem Rennen genommen werden kann. Für die Qualifikationen und für die Snowboarderinnen muss eine kleinere Pipe gefordert werden, auch wenn die Kosten höher sind.

Big Air ist Zirkusakrobatik und wird wegen der Gefährlichkeit nur von Männern ausgeübt. Luftstände bis 15 und Weiten bis 25 Metern sind obligat. Harte Landungen auf dem ungeschützten Table führten zu schweren Verletzungen. Da die Verletzungszahlen unter den Snowboarderinnen beim Big Air-Wettbewerb in der Vergangenheit zu hoch waren, ist dieser Wettkampf inzwischen ausschließlich für Männer ausgeschrieben. Da jeder Fahrer drei Versuche hatte, zeigte sich das gleiche Problem wie in der Half Pipe – gesprungen wurde, was das Zeug hält. Beispielsweise musste einem Fahrer mit einem gerissenen Kreuzband das Kniegelenk nach jedem Sprung unter Schmerzen wieder eingerenkt werden, um ihn für den nächsten Big Air Jump wieder „fit“ zu machen.

Ein anspruchsvoller Kurs mit vereisten Steilkurven und Sprünghügeln sowie einem mit Holzbalken umrandeten Wassergraben forderte beim Border Cross seine Opfer. Die Verletzungen ereigneten sich überwiegend im Training bei den Frauen, die mit dem für Männer und Frauen gleichen Kurs schlicht überfordert waren.

Mit dem aktuellen Reglement ist der Slalom als einzig sichere Disziplin klassifizierbar. Es gab keine schweren Verletzungen. Das Verletzungsrisiko ist mit dem von Skirennen vergleichbar.

Die Pflicht des den Wettkampf betreuenden Arztes ist es, die Gesundheit der Athleten zu schützen. Dies beschränkt sich aber nicht darauf, die verletzten Athleten so rasch und fachkundig wie möglich in das nächste Krankenhaus zu bringen. Es ist auch Aufgabe der Ärzte, die Sicherheit der Rennstrecken und der Wettbewerbe zu beurteilen, damit die Anzahl der Verletzungen in einem akzeptablen Ausmaß bleibt. So müssen zum Beispiel die Helm- sowie Rückenprotektorenpflicht von der FIS vorgeschrieben und streng kontrolliert werden. Bei den Show-Wettbewerben (Big Air, Half Pipe) muss ein verletzter Sportler zur seiner eigenen Sicherheit vom betreuenden Arzt aus dem Wettbewerb genommen werden können. Dies ist um so wichtiger, da teilweise minderjährige Wettkämpfer diesen Sport ausüben.

Das Fazit: Slalom- und Riesenslalom-Wettbewerbe sind auf einem mit dem FIS Ski-Rennen vergleichbaren guten Sicherheitsniveau. Die anderen Wettkämpfe sind weit entfernt davon und als gefährlich bis lebensgefährlich einzustufen. Als alleiniger Ausrichter des Snowboard World Cup trägt die FIS die Verantwortung für den Wettkampfbereich dieser neuen Jugendsportart.

Die Dimensionen der Schanzen und der Half Pipe sollten abgestuft und generell reduziert werden, da ab gewissen Sprunghöhen das Verletzungsrisiko enorm steigt und die Belastungsgrenzen des Köpers überschritten werden. Es ist absolut unzulässig, Frauen und Männer in der selben Half Pipe mit einer Wandhöhe von fünf Metern starten zu lassen. Auch im Snowboard-Sport muss, genauso wie in anderen Sportarten auch, akzeptiert werden, dass Frauen ein anderes körperliches Leistungsniveau haben als Männer. Soweit die Empfehlungen der WM-Ärzte.

Der Ski-Weltverband FIS hat reagiert und folgende Punkte in das Regelwerk der kommenden Saison aufgenommen:

  • Rückenprotektoren werden zwingend vorgeschrieben
  • Anhebung bzw. Zusammenbringen des unterschiedlichen Levels im Weltcup und in den verschiedenen Rennserien; Berücksichtung unterschiedlicher Leistungsklassen
  • Trennung zwischen Damen und Herren im Border Cross
  • Das Recht des zuständigen Arztes, einen angeschlagenen oder verletzten Sportler zu seiner eigenen Sicherheit aus dem Wettbewerb zu nehmen, wird ab diesem Jahr zumindest im Weltcup praktiziert.

Dr. Karl-Heinz Kristen
E-Mail: khkristen@a1.net

Dr. Karl-Heinz Kristen ist Sportorthopäde in Wien und Mitglied der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin. Er ist Race Doctor der Kitesurf Profis im Rahmen des Kitesurf Worldcup in Podersdorf am Neusiedlersee und hat sich mit Sicherheitsaspekten in Trendsporten wie Windsurfen, Inline Skaten und Snowboard in Publikationen und in der aktiven Betreuung der Sportler ausgezeichnet.

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