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Paralympischer Sport in Zeiten von Corona: Safety first – statt höher, schneller, weiter

 

Eigentlich hätten diesen Monat, genau gesagt am 24.8.2020, die XVI. paralympischen Sommerspiele in Tokio feierlich eröffnet werden sollen, wie immer 3 Wochen nach der Abschlussfeier der olympischen Spiele. Das erste Mal in ihrer Geschichte wurden auch die Paralympics in diesem Jahr abgesagt und ins Jahr 2021 verschoben. Dabei ist aktuell noch vollkommen ungewiss, in welcher Form die Spiele dann werden stattfinden können. Diverse Szenarien werden derzeit diskutiert, unter anderem Quarantänespiele, wobei sicher scheint, dass mit „normalen“ Spiele nicht zu rechnen ist sondern diese, gerade im Para-Sport, in geschütztem Setting abgehalten werden.

 

Dies ist vor dem Hintergrund der enormen Entwicklung der Weltspiele für Menschen mit Behinderungen des letzten Jahrzehnts zu bedauern. Wer die Spiele in London und Rio de Janeiro miterleben durfte, weiß wie sehr die Paralympics von ihrem einstigen Nischendasein ins weltweiter Medieninteresse und in die Herzen der Bevölkerung der austragenden Länder gerückt sind.

 

 

 

Entwicklungsgeschichte der Paralympics

Der Begriff der „Paralympics“ statt von „Para“ (neben) und „Olympics“ und geht zurück auf den deutschenstämmigen Neurologen Sir Ludwig Guttmann, der aufgrund seiner jüdischen Abstammung in der Zeit des Nationalsozialismus nach England emigrierte. Als Chefarzt einer Spezialklink für Wirbelsäulenverletzte erkannte er die Wichtigkeit sportlicher Betätigung für Querschnittsgelähmte und rief 1948 in Arlesbury (nahe London) parallel zu den olympischen Spielen erstmals die nach seinem Krankenhaus benannten „Stoke Mandeville Games“ aus, aus denen 1960 die „Weltspiele der Gelähmten“ und 1988 die ersten „paralympischen Spiele“ hervorgingen. Seit 1988 werden sie nun immer im regelmäßigen vierjährigen Turnus jeweils 3 Wochen nach den olympischen Spielen am selben Austragungsort abgehalten. Seither ist ein stetiger Anstieg an teilnehmenden Athleten und Nationen zu verzeichnen. 2012 haben sich die Paralympics mit der Rückkehr der Spiele zu ihrer Wiege nach England ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gedrängt.

Dies unter anderem, da sich auch das generelle Bild von Menschen mit Behinderungen gewandelt hat und diese zunehmend selbstbewusst die gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft einfordern, welche ihnen im Rahmen der Convention of human Rights zugesprochen wurde. Internationale Topathleten posieren in der Zwischenzeit selbstbewusst vor der Kamera und präsentieren dabei wie selbstverständlich ihre Behinderungen.

Denise Schindler, Para-Radsportlerin des Team D Paralympics, Silber und Bronzemedaillen-Gewinnerin Rio de Janeiro 2016

© Jo Splice

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Typische Beschwerdebilder im Para-Sport

Mit dem steigenden medialen Interesse nahm auch die Professionalisierung des paralympischen Sportes stetig weiter zu. Dies bezieht sich nicht nur auf die Trainingsmethodik, sondern auch auf Materialtechnik und Hilfsmittelversorgung, welche für die medizinische Versorgung der Athleten sehr von Bedeutung ist. Beschwerdebilder die mit der Verwendung von Hilfsmitteln wie Rollstühlen und Prothesen assoziiert sein können, umfassen dermatologische Diagnosen (u.a. Dekubiti, Schürfwunden, Follikulitiden und Furunkel).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©Anja Hirschmüller (4)

 

Aber auch orthopädische Probleme wie Fehlbelastungen der angrenzenden Gelenke, Beschwerden durch Muskeldysbalancen oder Wirbelsäulenbeschwerden.

Auch spezielle Verletzungen durch typische Sturzereignisse werden mit Prothesen assoziiert. So können die modernen Carbon-Materialien, die wesentlich leichter, aber auch weniger widerstandsfähig sind bei einem Materialversagen gravierende Folgen haben.

(links: deutscher Athlet mit Mechaniker bei der Inspektion einer gebrochenen Carbon-Armprothese nach der 3000m Verfolgung in Rio de Janeiro 2016 – glücklicherweise in diesem Falle ohne Sturzfolge)

©Oliver Kremer / DBS

 

 

 

 

Medizinische Betreuung von Para-Sportlern

Selbstverständlich müssen betreuende Ärzte gut über die Behinderung ihrer Athleten und die damit verbundenen Einschränkungen informiert sein, um bei auftretenden Beschwerden adäquat reagieren zu können. So fehlt beispielsweise bei Tetraplegikern der sympatikusvermittelte Herzfrequenzanstieg, so dass die maximale Herzfrequenz unter Belastung maximal 120 Schläge pro Minute erreicht. Durch eine gestörte Thermoregulation sind Hitzeanpassung und -toleranz reeduziert, was in Hinblick auf die hohe Temperatur und Luftfeuchtigkeit in Tokio relevant werden wird. Aufgrund der mit Nervenläsionen und Querschnittslähmungen einhergehenden gestörten Sensibilität muss bei der Detektion von Verletzungsfolgen oder Krankheitssymptomen u.a. auch ein reduziertes Schmerzempfinden berücksichtigt werden. Nicht selten werden Frakturen initial übersehen, da sie oft oligosymptomatisch und gleichzeitig aber aufgrund einer sog. Inaktivitätsosteoporose gehäuft und auch bei Bagatelltraumen auftreten. An pathologische Frakturen sollte somit stets gedacht und eine Röntgendiagnostik bei primären oder sekundären Frakturzeichen forciert werden.

©Oliver Kremer / DBS

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die oberen Extremitäten sind bei Para-Sportlern häufiger von Verletzungen betroffen als im Regelsport. Dies gilt insbesondere für Rollstuhlathleten in Wurfdisziplinen, Rennrollstuhl, Handbike und Basketball. Traumata der Handgelenke und Finger treten im Rollstuhl-Kontaktsport und bei schleifenden Reifen in den Speed-Disziplinen der Leichtathletik gehäuft auf. ZU den besonders verletzungsträchtigen Sommersportarten zählen Fußball, Prowelifting, Rollstuhlrugby, Rollstuhlfechten und Goalball. Beim Goalball handelt es sich um die einzige paralympische Sportart, die kein Pendent für nicht-behinderte Athleten hat. Es wird 3 gegen 3 mit Augenbinden und einem Klingelball auf das gegnerische Tor geworfen.

 

Bei der Reiseplanung mit Athleten gilt es zu bedenken, dass Gruppenreisen mit Rollstuhlfahrern und Prothesenträgern einen hohen logistischen Aufwand erfordert. Die Reise sollte minutiös geplant werden, um Stress-Situationen der Athleten und sekundäre medizinische Problem durch langes Sitzen oder Liegen auf hartem Untergrund zu meiden. Hartnäckige Lymphödeme oder Dekubiti können die Leistungsfähigkeit der Athleten massiv gefährden. Auch Harnwegsinfektionen sind häufig bei fehlender Möglichkeit zur Katheterisierung.

 

Darüber hinaus hat die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit verschiedenen Berufsgruppen, insbesondere den Physiotherapeuten und den Orthopädietechnikern im Behindertensport eine besondere hohe Bedeutung. Schlechtsitzende oder scheuernde Prothesen müssen sofort angepasst werden, um Entzündung (vgl Bild) am Stumpf zu verhindern. Ein konsequentes Ausgleichstraining sollte Dysbalancen reduzieren und Überlastungen an den funktionstüchtigen Gelenken zu vermeiden helfen.

Man muss sich immer bewusst sein, dass eine (Überlastungs-)Verletzung für einen behinderten Athleten leicht mir einem kompletten Verlust der Selbstständigkeit einhergehen kann. So verliert beispielsweise ein Rollstuhlfahrer mit Gips-Arm oder ein einbeiniger Athlet mit Knieverletzung schnell vollständig die autonome Mobilität.

Der Prävention von Erkrankungen und Verletzungen kommt somit eine besonders hohe Bedeutung zu. Somit sollte in der aktuellen Situation, die von einer raschen Wiederaufnahme der Trainings- und Wettkampftätigkeit geprägt ist, im paralympischen Leistungssport konsequent auf einen schrittweisen Aufbau zur Vermeidung von Überbelastungssituationen geachtet werden.

 

 

 

 

 

 

©Oliver Kremer / DBS (4)

 

 

DIE AUTORIN:

Frau Prof. Dr. Anja Hirschmüller ist Orthopädin und Unfallchirurgen mit Schwerpunkt Sportorthopädie und arbeitet als leitende Ärztin am Altius Swiss Sportmed Center in Rheinfelden (Schweiz). Sie ist leitende Ärztin der deutschen paralympischen Mannschaft und Mitglied des medizinischen Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes. Sie promovierte und habilitierte am Universitätsklinikum Freiburg, wo sie weiterhin wissenschaftlich tätig ist.

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