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Skispringen: Material, Technik, Verletzungen und Prävention

Fliegen war schon immer ein Menschheitstraum und Skispringen ist ein bescheidener Anfang davon. Man fliegt getragen von Skiern auf einem Luftpolster einen Hang hinunter mit 100 km/ h- Adrenalin pur und eine gefühlte Faszination des eigenen Körpers balancierend in der Luft. Ein Gefühl, dass man nur mit Gleichgesinnten teilen kann. Es ist wie ein Rausch.

Kinder – heute Jungen und Mädchen – mit Eigenschaften wie Neugier, Ausprobieren, Mut, Geschicklichkeit, Entdecken, sind besonders geeignet.

Unsere Profis trainieren derzeit für die Vier-Schanzen-Tournee und 2021 für die Ski WM in Oberstdorf. Sie gehen im Springen und in der Nordischen Kombination als Favoriten ins Rennen und haben Gold zu verteidigen. Allerdings sind mit Severin Freund, Andreas Wellinger und Corina Vogt gleich drei Olympiasieger und fünf weitere Sportler von einer Kreuzband-Ruptur betroffen und sind noch nicht in weltmeisterlicher Form.

Skispringen ist eine  Hochgeschwindigkeits- und Risikosportart und dauert  vom Anlauf über den Flug bis zur Landung  15-20 Sekunden, je nach Schanzengröße. Der kürzeste Moment neben dem Absprung ist der Aufsprung, der in Sekundenschnelle abläuft und heute für das Skispringen ein Schlüsselmoment darstellt. Ist die Landung nicht ausbalanciert, kommt es zu Stürzen und leider auch zu Kreuzbandrissen mit langfristiger Sportunterbrechung.

Faktoren mit hohem Einfluss auf den Sprung:

Anfahrt       = konstanter Faktor  (genormt – Eis-Keramik-Metallspur)
Absprung   =  individueller Faktor  –  hundertstel Sek. (neuromotorisch)
Schuh/Unterschenkel in 20-25° Stellung – schnell in die Flugphase
Flug             =  relativ inkonstant (Absprung-Wind-Skistellung-Luftpolster), Ski-Bindung/Stab -Schuh –
Springer  – kompaktes Flugsystem
Aufsprung  =  inkonstant – multifaktoriell  (Hangneigung-Beschaffenheit der Unterlage
Schnee weich/hart/Marmor – glatt -wellig – Matte )
Landung ist ein hochkomplex balancierender Vorgang .

Faktoren mit hohem Einfluss auf die Verletzungen:

1. Starres System (Ski-Bindung-Schuh) schlägt weiches System (Unterschenkel/Knie)
Mechanik trifft Physiologie. Bei Abweichung/Verkanten des Skis wird ein Rotationsmechanismus eingeleitet – nur wenn die Oberschenkelmuskulatur das Knie halten kann, ist das Knie geschützt – starr schlägt weich!

2. Kreuzbänder sind bei gebeugtem Knie und Hüfte (Oberkörper über dem KG)  in Spannung und damit kniestabilisierend, ebenso wirkt die angespannte ischiocrurale Muskulatur über den dorsalen Zug über den Unterschenkel /KG stabilisierend.

Diese Position bietet der Telemarkaufsprung mit tiefem  Körperschwerpunkt und abgespreizten Armen zusätzlich balancesichernd. Karel Stoch präsentiert gegenwärtig diese Landung meisterhaft.

3.  Kacheln – ist der Aufsprung mit paralleler Fußstellung. Er ist führungsstabil  für die Ski und ausbalanciert: Bei Tiefhocke und Körperschwerpunkt hinter dem Knie kann die angespannte Oberschenkelmuskulatur den Unterschenkel aber nach vorn ziehen und das Kreuzband tangieren.

4.  Aufsprung im Stehen  –  hoher Körperschwerpunkt – instabil, ungleiche Verteilung des Körpergewichtes, Talski mehr, Bergski weniger Belastung  (keine sichere Skiführung): In „stehender
Landung“ und nur leicht gebeugten Kniegelenken sind das vordere Kreuzband und die ischiocrurale Muskulatur  nicht in angemessener Spannung für die Kniegelenkstabilisierung.

5. Schwappende Ski  –  bei  Diversität der Schnee- oder Mattenunterlage nicht sicher führend

6. Sprungschuh mit 20° Winkelstellung – bieten u.a. „Halt“ bei weiten Sprüngen, um nach hinten nicht aufzusetzen.

7.  Ein Skispringer muss seine Landung vorbereiten (wie ein Flugzeug) – das Fahrwerk in die richtige Stellung bringen (Rückführung des V- Stils) – Arme abspreizen zur Balance und Telemarkaufsprung vorbereiten – das kann der Athlet intuitiv berechnen. Nicht berechnen kann er die Aufsprung-Unterlage (Schnee in vielfältiger Diversität – Matte = standardisiert) – deshalb auch Probesprung! Bei Übermüdung, schlechten Sichtverhältnissen, unzureichende Körperhaltung/Infekt ist eine Entkopplung (Kopf-Körperspannung -Ski-Standsicherheit) möglich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor 20 Jahren und in der Vergangenheit gab es keine Kreuzbandverletzungen beim Skispringen – zit. Recknagel/Weißflog: „Beim klassischen Telemark liegt der Körperschwerpunkt tiefer und auch die nicht schwappenden Skier waren führungssicherer“. Der Telemarkaufsprung in klassischer Form mit gebeugten Kniegelenken von 60-90° ist relativ störunanfällig –  bei Beugebelastung sind die Kreuzbänder gespannt. Der Körperschwerpunkt liegt tiefer und damit sind die Skier auf  der Unterlage führungssicherer.

Allerdings geht der klassische Telemarkaufsprung mit dem starr eingestelltem Bindungs-System nur bedingt – weil der keilförmige Schuh und die starre Hubhöhe durch den Bindungsstab eine Kniebeuge behindern. Folge: man springt heute meist in stehender Position auf. Der Körperschwerpunkt ist höher, die Skibelastung liegt bei der Landung mittig unter der Bindung.
Das Skivorderteil „schwingt/schwappt“ und führt den Ski nicht unbedingt. Es entsteht eine relative Führungsunsicherheit des Skis als instabile Komponente, die ausbalanciert werden muss.

Der Aufsprung beim Skispringen ist bei 90-110 km/h ein komplexer Balanceakt mit neuro-motorischer Koordination des Skispringers und einem starr verbundenen System (Schuh-Bindung-Ski) auf nicht sicher berechenbarer Aufsprung-Unterlage und Hangneigung. Kommt es zur Dysbalance entkoppelt die „starre“ die „weiche“ Struktur –meist in einer „schraubenförmigen“ Bewegung des Kniegelenkes in Valgusstellung/Valguskollaps mit Seitenband/Kreuzbandver-letzung. Die Scherkräfte, des langen Sprungskis (2,40 -2,60 m) wirken potenzierend. Meist ist das Knie des weniger körperbelastenden „Bergskis“ betroffen.

Bei all den genannten Faktoren/Komponenten  kommen  noch  individuelle physiologische Besonderheiten dazu, die ein Trainer nur bedingt kennt, aber wir Kreuzbandchirurgen  wissen da noch etwas mehr: Konstitution – Laxität – X und O-Bein –  Notch- Weiten-Index –  Vorverletzungen.

Meine These ist, dass ein kreuzbandoperierter Skispringer nicht mehr sein früheres Leistungsniveau erreichen wird. Beim Skispringen ist die Weite an den Absprung gebunden, und das ist ein Moment von hundertstel Sekunden  – ein kreuzbandoperiertes  Gelenk hat da ein neuro-motorisches Defizit.

Prävention im Skisprung – Lösungsansätze

Starre und weiche Strukturen konkurrieren bei der Skisprunglandung. Die weichen Strukturen (Unterschenkel/Knie) sind mechanisch unterlegen und damit verletzungsanfällig.
Werden die starren Strukturen entschärft/weicher  – z.B. Auslösen der Bindung  und elastischer Bindungsanteil im Fersenbereich, einschließlich des Schuhs, kann ein mechanisch – physiologischer Kompromiss  erzielt werden – im Sinne einer Verletzungsprävention.

Es gibt erste Lösungsansätze am Schuh – eine Keileinlage im Schuh ist jetzt genormt von der FIS vorgegeben. Damit besteht weniger Valgusdrift für den Unterschenkel, das wirkt kreuzbandpräventiv.

1. „starre“ Systeme/Strukturen – müssen dynamisiert werden elastischer/beweglicher gestaltet werden: „elastisch-federnder“ Bindungsanteil an der Ferse – damit wäre ein klassischer Telemark leichter ausführbar (sichert die Kreuzbänder)

2. auslösbarer Bindungsanteil im Vorderbereich – Schuh löst Bindung bei einem bestimmten Dreh-Winkelmoment aus – Sturzvariante ist hier mit eingeplant, aber es entfällt die Hebel-, Rotationskomponente für Ski/Knie

3. auch ein weicherer/elastischer Schuh ist überlegenswert.

4. Diskussionswürdig wäre auch der schwingende/schwappende Ski mit einer gewissen Führungsunsicherheit und dadurch bedingten Dysbalance.

5. Erlernen der richtigen Landetechnik von Kindheit an. Würde man „Kacheln“ zu lassen, wäre ohnehin das ganz Problem gelöst: tiefer Körperschwerpunkt mit paralleler Skiführung – sichere Balance.

 

Prävention fängt im Kindesalter an

Üben des Aufsprunges im Telemarkstil

KB-Präventionsfibel: Stopp X

Simulieren mit den Kindern: Wie stürzt man in einer kritischen Situation?

Prävention ist aber auch bei der Talentauswahl: konstitutionelle Faktoren zu beachten – endogene Faktoren (z.B. X-Bein-Stellung bei Mädchen – laxe Bindegewebestruktur – Hypermobilität)

Zum Skispringen passt vordergründig der leichte Athlet

Allgemeinathletische Ausbildung (s. Nordisch Kombinierte- keine VKBR)

Skispringen ist eine Hochgeschwindigkeitssportart – sehr gutes Reaktionsvermögen
turnerische -artistische Fähigkeiten – Mut sind wichtig

Simulation von Absprung – Flug – Landung

Welche Rahmenbedingungen braucht es für das Skispringen als Sport?

Skispringen ist keine Massensportart – aber telegen spektakulär. Allein in Deutschland gibt es fast 300 Schanzen und unzählige Vereine. Allerdings gibt es einen Mangel an Übungsleitern und Trainern. Die gesellschaftliche Anerkennung des Trainerberufes ist in Deutschland unterbewertet. Ein weiteres Problem ist auch der hohe materialtechnische Aufwand einer Schanze:
Betriebskosten-Unterhaltung, Präparation, Wartung, dazu teure Aufzugsanlagen. Dazu kommen hohe Kosten der Ausrüstung (Ski /Schuhe /Anzüge /Sturzhelm). Die Ausrüstung wird im Wachstumsalter kostenminimierend weiter gegeben. Künftig ist auch immer an den Schneemangel zu denken. Man wird umdenken müssen in den nächsten Jahrzehnten. Kunststoffbeläge und Hallen werden dann das Springen möglich machen.

COVID-19 und Skispringen

Einige Bereiche des Wintersportes haben sich bedingt auch durch die abgeschlossenen Medienverträge ihre WC erfolgreich aufgestellt FIS (Sprung- LL -NK) Biathlon – Rennschlittensport-
Skeleton und Bob und führen sie mit Erfolg durch. Es ist ein hoher organisatorischer Aufwand – mit „Blase“ für die Teams und ständig aktualisierten Testungen der Teams. Die Sportler haben sich darauf eingestellt und sind dankbar für die gestellten Weichen   – „Leistungssport“ ist ohnehin nur ein begrenzter Lebensabschnitt – und dann ist ein Ausfall für eine ganze Saison verlorene Zeit.
Kritisch wird aber auch von Trainern hinterfragt: gibt es bei COVID-19-Erkrankung einen Langzeitschaden und damit eine Leistungsminderung.

Auch Schüler und Jugendliche Skispringer, die zu ausgeschriebenen Wettkämpfen fahren, unterliegen diesen festgelegten Normen – und das funktioniert. Ein Problem ist nur, dass der Kinder- und Jugendsport in D z.Z.  abgemeldet ist – im Winter kein Schnee – dazu Corona – ein Teil der Kinder wird aufhören. Hier sind die Eltern gefragt. Die Politik hätte hier den Kinder-und Jugendsport  in dieser „schweren Zeit “  freigeben sollen – ist die Schule schon ein Riesenproblem – nun auch noch Einschränkung des kindlich-jugendlichen Bewegungsdranges.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bad Freienwalde  –  die nördlichste Schanze Deutschlands

Die Sparkassen-Skiarena mit vier Schanzen  (die größte ist 70 m ) in Bad Freienwalde ist ganzjährig bespringbar. Skispringen ist in der heutigen Zeit nicht mehr zwingend an Skiarenen im Gebirge  gebunden – denn Skispringen ist mit einer genormten Anlaufspur (Eis-Keramik-Metall) unabhängig vom Winter – auch der Flug. Nur die Landung wäre im Winter auf Schnee der Unterschied zur Matte.

In Bad Freienwalde trainiert der Trainer des Jahres 2019, Stefan Wiedmann, erfolgreich mit 15 Kindern und Jugendlichen ganzjährig. Der 14-jährige Max Unglaube ist zweifacher Meister des dt. Schülercups (2018/19) und strebt diesen Titel auch dieses Jahr an – ein Flachländer erfolgreich in der Sprungelite. Und Moritz Terrei  ist in der Nordischen Kombination deutscher Schülermeister, trainiert jetzt im Sportgymnasium in Oberhof.
Der Skiverein BFW- geschätzt für die professionelle Ausrichtung von Wettkämpfen -bekam von Ex Skidirektor Walter Hofer die Offerte: „Tragt doch mal eine Jugendweltmeisterschaft aus“ – das war eine höchste Anerkennung der bisher geleisteten Arbeit. Als Mitglied des Vereins- und als Vizepräsident des LSVB Brandenburg unterstütze ich dieses Ziel – wir werden die Voraussetzungen dafür schaffen (Aufzuganlage) und uns über den DSV um eine Jugend-Weltmeisterschaft 2023 zur 100-Jahr-Feier bewerben. Das Ganze als Sommerveranstaltung auf Matten und Skiroller. Das ist ökonomisch und für Jugendliche leicht händelbar mit wenigen Störgrößen. Ganz besonders stolz sind wir, dass einige unserer Topathleten als Kinder ihr Können hier zeigten: wie Olympiasiegerin Corina Vogt, Erik Frenzel, Karl Geiger, Markus Eisenbichler.

Mit polnischen Skivereinen verbindet uns eine jahrzehntelange persönliche und Sportlerfreundschaft: Polnische Top-Springer waren ebenfalls als Kinder auf den Schanzen in Bad Freienwalde erfolgreich. Da die Wege für die Fahrten nach Bayern und umgekehrt sehr
weit sind – haben wir mit vier weiteren Ski Vereinen einen Nord-Cup über den DSV platziert.

Kinder brauchen Wettkämpfe, sonst ist Training wie Leerlauf.

 

DER AUTOR:

Dr. med. Gunter Frenzel ist Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin, D-Arzt. Er arbeitet an der Tagesklinik Esplanade in Berlin – der Sport und Tagesklinik für Knie- und Schulterchirurgie, Sportorthopädie. Dr. Frenzel hat in 30 Jahren über 50 Athleten zu Olympiasiegen, EM- und WM-Medaillen medizinisch begleitet. Für sein Engagement im Spitzen- und Breitensport, sowie bei der Fort- und Weiterbildung junger Mediziner ist er von der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS) zum „Sportarzt des Jahres 2020“ gekürt worden.

Fotos: Günter Grützner

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