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„Sportmedizin war mein Hobby“ – Gratulation zum 90. Geburtstag von Prof. Dr. Heinrich Heß, Gründer der GOTS

Es ist der 23.März 1932, als Heinrich Heß in Dudweiler/Saar das Licht der Welt erblickt. Nach den Kriegsjahren kann er sein Abitur 1952 am Humanistischen Ludwigsgymnasium Saarbrücken ablegen und beginnt auch gleich 1953 das Medizinstudium an der Medizinischen Fakultät der Universität Homburg/Saar. Als junger Student will er, was damals noch nicht selbstverständlich ist: auf jeden Fall zwei Semester im Ausland absolvieren!

Mit dem Motorrad nach Wien

Also schreibt sich Heß an der medizinischen Fakultät Wien ein, steigt auf sein Motorrad und „ist dann mal weg“. Die Erlebnisse sind heute noch lebendig. „Damals – da waren wir ja noch Franzosen“, erinnert sich Heß, „wir hatten eine eigene Regierung im Saarland, gehörten aber zu Frankreich. Es gab zu der Zeit noch keine Autobahn und keine gute Zugverbindung. Also bin ich mit dem Motorrad und meinem französischen Pass los. Das war spannend. Der Schilling stand gut zum Franc – dadurch hatte ich Geld und konnte mich überhaupt dort als Student einschreiben. In Wien waren gerade die Russen abgezogen. Es war die Zeit der Ungarnaufstände. Viele ungarische Flüchtlinge kamen nach Wien. Da war was los in der Stadt!“ Die Wiener Fakultät ist damals eine der berühmtesten in ganz Europa. „Und ich habe bei den bekanntesten Professoren die Vorlesungen gehört“, erzählt der heute selbst so bekannte Professor. Und weiter: „Zuerst habe ich im katholischen Junggesellenheim gewohnt – in einem Schlafsaal mit 30 Leuten. Da musste man sich beinahe alles um den Bauch binden, damit nichts geklaut wurde. Später hatte ich eine schönere Studentenbude. Wenn mal das Geld knapp war, gingen wir in die berühmten Wiener Verleihanstalten. Auch ich habe mal einen Fotoapparat und eine Uhr dort versetzt. Dann haben wir eine Weile eben nur von Brötchen und Milch gelebt. Wenn wieder Geld da war, habe ich alles zurückgeholt.“ Ordentlich verpackt in leeren Schuhcreme-Dosen schickt ihm seine Mutter immer wieder Geld – obwohl das streng verboten ist. Bei einem ungarischen Trainer landet Heß dann auch noch in einem Studenten-Boxclub – mit Wettkämpfen an den Wochenenden. Für ihn eine schöne Zeit.

Vom „Rattenkönig“ über Geburten, die Orthopädie bis zur Neurochirurgie

1958 besteht Heß dann seine Staatsexamensprüfung und promoviere 1959 zum ´Zytochrom-Gehalt im Herzen´.  „In dieser Zeit war ich der Rattenkönig“, schmunzelt Heß. Denn: die Versuche fanden an weißen Ratten in der Biochemie in Homburg statt. Nach einer 6-wöchigen Hospitation in Paris, geht Heß als junger Mediziner für anderthalb Jahre an ein Krankenhaus in Elsass/Lothringen. „Ich hab´ da alles gemacht – auch Geburten“, so der Mediziner. „Mein Chef war Chirurg in dem mit 80 Betten gar nicht so kleinen Krankenhaus. Von der Gynäkologie über HNO bis hin zu Verkehrsunfällen hat er alles bedient. Und wir hatten viele Unfälle, denn die Klinik lag an einer Hauptstraße.“ Im Saarland absolviert Heß anschließend die chirurgische Pflichtausbildung.

Als in Saarbrücken 1961 eine Stelle in der Orthopädie frei wird, beginnt er die Ausbildung zum Facharzt für Orthopädie bei Prof. Groh im Zentrum für Sportverletzte im Hüttenkrankenhaus Saarbrücken-Burbach. Noch vor Ende der Facharztausbildung wechselt Heinrich Heß jedoch und arbeitet unter Prof. Loew in der Neurochirurgischen Universitätsklinik des Saarlandes, wo er schnell zum Funktionsoberarzt aufsteigt. Der Chirurg erinnert sich: „Ich war dann auch für die Kinderneurochirurgie zuständig, habe viele Hirntumore gesehen. Das hat mich sehr mitgenommen und war letztlich der Grund zurück in die Orthopädie zu gehen.“

Ab 1968 ist er dann Assistent bei Prof. Mittelmeier und eröffnet 1970 an der Universitätsklinik Homburg/Saar eine Sportorthopädische Ambulanz, die großen Zulauf hat. 1972 habilitiert er, wird leitender Oberarzt der Klinik.

Von 12 auf 120 Betten

Und dann – kommt die längste Zeit in seinem Arbeitsleben: als Chefarzt baut Heinrich Heß ab 1975 die Orthopädische Abteilung an der St. Elisabeth-Klinik in Saarlouis auf. Dabei beginnt er bescheiden mit der Einrichtung von 12 Betten und übergibt die Klinik zum Ende seiner Tätigkeit 1997 mit 120 Betten. „Ich hatte am Anfang nur einen Oberarzt und einen Assistenten, zum Schluss 4 Oberärzte und 15 Assistenten. Die hab´ ich immer nur dann eingestellt, wenn sie vorher mindestens ein Jahr in der Unfallchirurgie waren. Denn die hat mich geprägt. Wir waren immer bereit – auch nachts und an den Wochenenden“, erzählt er.

„Sportmedizin war mein Hobby“

Der rührige Professor erinnert sich gern an die Zeiten im Fußball. „Damals gab es Lehrgänge für Trainer, da wurde ich dann plötzlich eingeladen, um medizinische Vorträge zu halten. Sportmedizin war ja mein Hobby“, sagt er verschmitzt. Nach etlichen Vorträgen wird er dann gefragt, ob er nicht die Betreuung der B-Nationalmannschaft übernehmen könne. Und 1974

fragt ihn Helmut Schön, ob er zur WM mit der Nationalmannschaft nach München kommt. Heß schlägt ein und betreut die Mannschaft bis zur EM 1996. Zwei Siege in Weltmeisterschaften kann er miterleben.

„Rom – meine schönste WM“

„Mein schönstes Erlebnis war die WM in Rom“, sagt er. „Beckenbauer war Teamchef, wir haben gesiegt und die Italiener standen nachts auf den Balkonen, haben gesungen, geklatscht, gefeiert und Feuerwerk gezündet.“ Eine sehr prägende Zeit für den Arzt. „Ich habe fünf Bundestrainer erlebt – jeder war auf seine Weise ein besonderer Typ. Helmut Schön hat die Spieler damals noch mit ´Sie´ angeredet. Und hinterher gab es immer ein wundervolles Bankett im Hotel. Mit allen Spielern, Trainern, Betreuern. Das war meist sehr lustig. Heute muss jeder oft einzeln wieder los und seinen vollen Terminkalender bedienen“. Die Bekanntheit aus dem Fußball zahlt sich damals aus. Immer mehr Sportler aus ganz Europa kommen extra zur OP zu Heinrich Heß. Nebenher engagiert er sich auch für die Trainerausbildung und ist Mitglied in den sportmedizinischen Kommissionen des DFB, der UEFA und der FIFA.

Sein Ansehen und die Würdigung seiner Erfolge finden später Ausdruck in einem zu seinen Ehren organisierten Symposium. Dort erscheinen spontan der Präsident des DFB, Wolfgang Niersbach, und Franz Beckenbauer, um den Jubilar zu ehren und den Gästen die eine oder andere Anekdote aus früheren Zeiten kundzutun.

„Sport mit dickem Knie – ach komm´ das geht doch gar nicht“

Und dann kommt es noch „verrückter“. Ein Zufall weckt den Forschergeist in Heß: „Wenn im Fußball ein Knie geschwollen war, gab es bei uns früher Salbe, einen Verband, das Bein kam auf eine Schiene und der Mann wurde hingelegt. Eines Tages kam ein Masseur und Physiotherapeut aus England zurück zu mir und erzählte: ´Stell dir vor, die da drüben machen einfach einen Polsterverband dran und lassen den laufen´. Ich sagte, ach komm´ das geht ja gar nicht. Und dann – haben wir es auch probiert. Ich habe Schaumgummi genommen, in Eiswasser getränkt und die Spieler lockeres Lauftraining machen lassen. Und tatsächlich: die Knie sind abgeschwollen. Da kam mir die Idee, man müsste eine Bandage daraus machen.“

Die Mutter aller Bandagen

Doch keiner hat die Idee erst haben wollen. „Bis der Herr Bauerfeind zu mir kam. Er hatte damals eine kleine Fabrik in Darmstadt. Wir entwickelten zusammen die `Heß-Bandage´ und er fragte mich: ´Was schätzen Sie denn wie viele wir sofort brauchen? Ich muss ja extra eine neue Maschine kaufen´. Zuerst waren es Tausend, später im Nu eine Million. Ein raketenhafter Aufstieg. Das war die Mutter aller Bandagen und der Vorläufer der ständig weiterentwickelten Genutrain (*der heute weltweit führenden Bauerfeind AG/d. Red,). Was zur Therapie begann, tragen heute alle – vom Rheumatiker bis zum Sportler und zur Prävention.“

Tennis bis 87

Doch Heß ist nicht nur Arzt sondern auch selbst Sportler. Neben dem Boxen in der Jugend begeistert er sich besonders für Tennis und Ski. „Anfang der 60er Jahre sind wir in Frankreich Ski gefahren – da gab es nur Schlepplifte. Später waren wir in Deutschland, Österreich und in den Vogesen Skifahren, haben die ganze Entwicklung in den Bergen miterlebt.“ Doch das geht nur im Urlaub und davon gibt’s damals nicht viel. Im Alltag ist es dann Tennis, was Heß leidenschaftlich gern spielt. Noch bis zum 87. Lebensjahr spielt er, legt den Schläger erst mit dem Tod seines Tennis-Partners nieder.

In Ulm in der „Forelle“ – die Gründung der GOTS

Die Sportmedizin wird in den 80ern immer wichtiger und „zunehmend fingen die Unfallchirurgen an, sich da einzumischen“, erzählt Heß. „Da haben wir uns gesagt, das können wir uns nicht länger bieten lassen – wir müssen eine eigene Gesellschaft gründen. 1986 sitzt er dann eines Abends mit 12 befreundeten Kollegen im Gasthof „Forelle“ in Ulm und gründet kurzerhand die GOTS.  Als Gründungspräsident leitet er die Gesellschaft mit seiner fachlichen Autorität und seinen menschlichen Qualitäten dann acht Jahre lang.

Der stolze Saarländer Heinrich Heß unterstützt die GOTS in guten wie in schweren Zeiten – als Ratgeber und Vermittler im Hintergrund, bei der Gewinnung von Sponsoren sowie bei der Initiierung von wissenschaftlichen Veranstaltungen.

Vollblutmediziner mit Rückhalt

Frau Evemarie und die drei Kinder, „2 Buben und ein Mädchen“, so Heß, standen immer hinter dem umtriebigen Vollblutmediziner und hatten viel Verständnis. Sonst wäre vieles gar nicht möglich gewesen. Und die Familie weiß, was das heißt, denn Evemarie Heß ist selbst Allgemeinmedizinerin, einer der Söhne wurde Orthopäde und die Tochter Physiotherapeutin. Na, wenn da die medizinische Power nicht in der Familie geblieben ist!

Fachzeitschrift

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