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Starke Männer mit Koordination und Technik – Strongman Kraftsport

Die Anfänge des Strongman Sports liegen in Kraftdemonstrationen zu verschiedenen Anlässen. Ähnlich wie bei den Highland Games kommt es hier neben Kraft auch auf Kraftausdauer, Koordination und Geschick an. Das Heben, Tragen, Halten und Ziehen verschiedener schwerer Gegenstände ist Inhalt dieser Sportart und lässt sich so von anderen Kraftsportarten abgrenzen. Unter dem Titel „The World`s Strongest Men“ erschien 1977 in den USA erstmals ein Fernsehformat mit den Inhalten heutiger Wettkämpfe. In den 1980er Jahren entwickelte sich dieses Format in den USA jetzt als „World`s Strongest Man“ (WSM), aber auch zunehmend in Europa weiter. Anfang der 1990er Jahre etablierte sich dann eine professionelle Szene, die nur noch diesen Sport betrieb. Mit Gründung der IFSA (International Federation of Strength Athletes) 1995 bestand eine Dachorganisation, die jetzt auch zunehmend Wettkämpfe organisierte. Mit Etablierung der „IFSA Stongman Super Series“ kamen zu den Einzel-Wettbewerben nun auch eine Turnierserie mit einem Punktesystem hinzu. Mit Umwandlung der IFSA 2004 in eine Gesellschaft bestanden nur 2 Weltverbände. Mit Etablierung der Arnold Classic Strongman 2006 waren Athleten beider Weltverbände startberechtigt (Wikipeda 2022).

In Deutschland ist die Strongman Szene eng mit dem Namen Heinz Ollesch, der 12x stärkster Mann Deutschlands wurde, verbunden. Mit Gründung der GFSA (German Federation of Strength Athletes) 2001 besteht auch in Deutschland ein offizieller Dachverband. Dieser legt die Wettkampfregeln fest und führt Wettbewerbe in Form von Liga-, Cups- und Einzel-Wettbewerben durch. Es erfolgt eine Einteilung in 3 Gewichtsklassen bis 90 kg bis 105 kg und über 105 kg bei den Strongman und bei den Strongwoman seit diesem Jahr in 4 Gewichtsklassen bis 64 kg, bis 73 kg, bis 82 kg und über 82 kg. Alle Athlet(inn)en absolvieren die Disziplinen mit den gleichen Gewichten, außer es stehen verschiedene Gewichte zur Auswahl. Sechs der knapp dreißig verschiedenen Disziplinen werden zu jedem Wettkampf festgelegt. In der Regel treten immer zwei Athlet(inn)en gegeneinander an. Der Titel „Stärkster Mann Deutschland“ wird nach Qualifikation in einer offenen Deutschen Meisterschaft vergeben. Die GFSA hat zudem ein Anti-Doping Reglement.

Die teils spektakulären Disziplinen unterscheiden sich in ihrem Anspruch teilweise deutlich. Neben Kraft Disziplinen wie Deadlift (Kreuzheben), Hand over Hand (ähnlich dem Tauziehen, meist LKWs) und Viking Press (Schulterdrücken) ist besonders auch Kraftausdauer bei statischen Disziplinen wie dem Front Hold (Halten eine Gegenstandes vor dem Körper) und Herkules Hold (Halten von Gegenständen seitlich mit den Armen) sowie dynamischen Disziplinen wie Famerswalk (Koffer Tragen über eine Distanz), Yoke Race (Tragen eines Gewicht-Gestells über eine Distanz), Truck Pull (LKW ziehen) und Loading (Heben von Objekten auf ein Podest) notwendig. Die dynamischen Disziplinen erfordern zudem ein hohes Maß an Koordination. Besonders beim Weight for Height (Werfen von Gegenständen rücklings über eine hohe Stange), Wheel Flip (LKW-Reifen umwerfen) und Atlas Stones (Heben von schweren runden Steinen auf ein Podest) ist auch Geschick und Technik gefragt. In Deutschland sind ca. 500 Strongman und Strongwoman aktiv, wobei die Zahl derer, die Strongman Disziplinen trainieren deutlich höher ist.

Abb. 1: Wheel Flip (LKW-Reifen umwerfen auf Zeit)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 2: Log Lift (Baumstamm stemmen)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 3: Yoke Race (Tragen eines Gewicht-Gestells)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 4: Atlas Stones (Heben von runden Steinen auf ein Podest)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Trainiert wird im Heimstudio, in Vereinen und in kommerziellen Fitness Studios. Die speziellen Disziplinen können auf Grund des notwendigen Equipments nur in Zentren trainiert werden. Da die Disziplinen so verschieden angelegt sind hat jeder Athlet in der Regel Stärken und Schwächen.

Verletzungen und Überlastungsschäden im Kraftsport werden mit 0,24-7,5 Verletzungen/1000h angegeben. Im Strongman Sport liegt die Verletzungsrate bei 4,5 bis 6,1 Verletzungen/1000h (Keogh u. Winwood 2017), im Powerlifting (Kraftdreikampf) bei 1,0 bis 4,4 Verletzungen/1000h, im Gewichtheben bei 2,4 bis 3,3 Verletzungen/1000h (Aasa et al. 2017) und bei den Highland Games, die es nicht nur in Schottland gibt, bei 7,5 Verletzungen/1000h. Bodybuilding zeigt mit 0,12-0,7 Verletzungen/Athlet/Jahr und 0,24 bis 1 Verletzungen/1000h die geringste Verletzungsrate aller Kraftsportarten (Keogh u. Winwood 2017).

Schulter, Ellenbogen, Knie und unterer Rücken sind im Strongman Sport die häufigsten Verletzungslokalisationen. Zudem dominieren die Muskel- und Sehnenverletzungen die Verletzungsstatistiken. Im Einzelnen werden unterer Rücken (24%), Schulter (21%), Bizeps (11%), Knie (11%), Zerrungen sowie Muskel- und Sehnenrisse (38% und 23%) als häufigste Verletzungen angegeben. Aber auch Kontusionen und Hautverletzungen kommen regelmäßig vor. Das Verhältnis von Trainings zu Wettkampf Verletzungen wir mit 4 zu 1 (1,6±1,5 Trainings Verletzungen/Jahr zu 0,4±0,7 Wettkampf Verletzungen/Jahr) angegeben. In 41% der Fälle wird medizinische Hilfe beansprucht (Aasa et al. 2017, Keogh u. Winwood 2017, Winwood et al. 2014).

80% aller Verletzungen in den Disziplinen im Strongman Sport entstehen in absteigender Häufigkeit allein durch 7 verschiedenen Übungen Wheel Flip (LKW-Reifen umwerfen), Yoke Race (Tragen eines Gewicht-Gestells über eine Distanz), Atlas Stones (Heben von schweren runden Steinen auf ein Podest), Wheel Barrow (Auto Schubkarre über eine Distanz), Log Lift (Baumstamm Stemmen), Dead Lift (Kreuzheben) und Farmes Walk (Koffer tragen) und Log Lift (Baumstamm Stemmen). Verletzungsintensiv sind zudem verschiedene Übungen, die im Kraftsport generell trainiert werden und 54 % aller Strongman Verletzungen ausmachen (Winwood et al. 2014)). Hierzu zählen Bankdrücken, Schulterdrücken, Kniebeugen und Kreuzheben.

Verschiedene intrinsische und extrinsische Risikofaktoren prädisponieren zu Verletzungen. Zu den intrinsischen Faktoren zählen Geschlecht, Alter, Leistungsstandard und Gewichtsklasse. Strongwoman zeigen im Vergleich zu Strongman eine höhere Rate von Kniegelenksverletzungen, aber insgesamt weniger schwere Verletzungen. Über 30jährige Athleten erleiden fast doppelt zu viele Verletzungen, als unter 30jährige. Professionelle Athleten haben weniger Verletzungen, insbesondere weniger Schulter Verletzungen, aber mehr schwere Verletzungen. Bei Schwergewichts-Athleten >105 kg kommt es auf Grund der größeren Gewichtsbelastungen im Training weniger zu leichten und mittleren Verletzungen als bei Athleten <105 kg. Zu den extrinsischen Faktoren gehören besonders Ermüdung, technische Fehler, Überbelastung und mangelndes Aufwärmen und vorbestehende Verletzungen (Keogh u. Winwood 2017, Winwood et al. 2014).

Muskel- und Sehnenrisse zählen im Strongman Sport zu den häufigsten Verletzungen. Vorrangig sind distale Bizepssehne, Rotatorenmanschette, Pectoralis, Quadrizeps- und Patellasehne, sowie Achillessehne betroffen. Aber auch Verletzungen der langen Bizepssehne, der Trizepsehne und der Hamstrings kommen vor. Die Indikation zur operativen Therapie ist im Strongman Sport nicht nur im Leistungsbereich eher großzügig zu stellen. Ziel ist die Wiederherstellung der korrekten Ausgangslänge der Muskel- Sehneneinheit um die volle Kraftleistungsfähigkeit zu erhalten.

Tendopathien betreffen besonders den Ellenbogen und das Knie. Trainingsumstellungen und Eigenblut Therapie haben sich hier bewährt.

 

Abb. 5: akute Pectoralis major Ruptur (Top 5 Strongman)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb.6: Operative Versorgung einer Patellasehnen Ruptur mit Naht und Draht Cerclage (Top 5 Strongman)

 

 

 

Hautverletzungen und Kontusionen sind durch den Umgang mit den verschiedenen Trainingsgeräten häufig. Einrisse der Handinnenflächen sind trotz Magnesia beim Kreuzheben, Koffertragen und LKW ziehen häufig. Schürfungen an den Schienenbeinvorderkanten sind besonders beim Kreuzheben häufig. Beim Steinkugel Heben (Atlas Stones) sind besonders die Unterarme von Schürfungen und Kontusionen betroffen.

Hernien sind durch die intraabdominelle Druckspitzen, die besonders bei schweren Kniebeugen, Kreuzheben und verschiedenen Strongman Disziplinen auftreten, getriggert. Neben den klassischen Leistenhernien kommen auch paraumbilikale Hernien und die Rectusdiastase vor.

Die allgemein gültigen Therapie Schemata finden auch im Strongman Sport Anwendung. Die zügige und sichere Diagnostik ist auch hier die Grundlage der Therapie. Eine generelle Trainingspause ist in aller Regel nicht notwendig, da durch entsprechende Trainingsumstellungen um die meisten Verletzungen „herum“ trainiert werden kann.

In der Verletzungsprophylaxe lassen sich besonders die extrinsischen Risikofaktoren beeinflussen. Vernünftiges Aufwärmen, korrektes Technik Training und die richtige Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit sind die Grundlage um dem Strongman/Strongwoman Sport auch im Leistungsbereich verletzungsfrei nachzugehen.


Der AUTOR

Dr. Mathias Ritsch ist seit 25 Jahren Verbandsarzt des Deutschen Bodybuilding und Fitness Verbandes (DBFV) und betreut zudem Athleten im Strongman Sport und Kraftdreikampf. Er ist Vorstandsmitglied im Verein der Verbandsärzte Deutschland und seit kurzem auch der GOTS. Der Orthopäde ist niedergelassen als Facharzt für Orthopädie in der Sportortho Rosenheim und Chefarzt an der Schön Klinik Vogtareuth. Im Schwerpunkt seiner Tätigkeit steht die operative Versorgung von Muskel- und Sehnenverletzungen sowie Kraftsportverletzungen. Hobbys sind Kraftsport, Berg und Motorrad.

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